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Die Schmerzen der Geburt

Die Schmerzen der Geburt

Mitte September jährte sich zum ersten Mal der Kollaps des Investmentriesen Lehman Brothers, mit dem die Hoffnungen vieler europäischer Finanzauguren, die Krise des Finanz- und Wirtschaftssystems sei eine vorwiegend US-amerikanische Angelegenheit, sich in Nichts auflösten: Könnte die Geschichte zurückgedreht werden, würde die amerikanische Regierung den Rettungsring werfen. Wiederholbare Experimente dieser Art gibt’s nicht in der Ökonomie, daher strudeln auch 2009 schon mehr als 90 US-amerikanische Banken in die Zahlungsunfähigkeit, werden in Europa riesige Finanzmittel zur Verfügung gestellt, um Institute wie die Münchner Hypo Real Estate vor dem Untergang zu schützen, verschwinden auch in Österreich Banken wie Constantia und Medici im Schoß von Muttergesellschaften.

Die allgemeine mediale Tendenz im Augenblick ist: „Gesundbeten“, teilweise wider besseres Wissen, wider die unveränderten objektiven Grundlagen. Auch die Weltbank fragt sich: „Wie konnte das geschehen?“ Tatsächlich: Systeminhärent war und ist im Finanzkapitalismus die Entwicklung weder zu erwarten noch zu erklären. Sarkastisch gesagt: In der Lebensperspektive eines Truthahns kommt der Weihnachtsabend nicht vor! Marx hatte allerdings schon im 2. und 3. Band des „Kapitals“ auf umfassend zerstörende Auswirkungen eines wirtschaftlichen Systems hingewiesen, das entscheidend auf die Nutzung von Krediten angewiesen ist; er verwendet sogar Bezeichnungen wie „Kreditklemme“. Das mag wenig tröstlich sein für die aktuell Handelnden, die sich im ewig stillen Wasser wähnten, und soll nicht über eine tatsächliche Theoriekrise hinwegtäuschen.

Die USA als Ausgangspunkt der Hypothekenkrise

Unbestritten ist, daß die „Subprime Crisis“ in den USA mit der Zahlungsunfähigkeit der Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac im Juli 2008 die Finanzkrise ausgelöst, jedenfalls offenkundig gemacht hat. Aber schon diese Situation entstand auf Grund eines systematischen Verstoßes gegen elementare Normen des Bankensystems: Es wurden Kredite an Leute vergeben, die sie sicher nie zurückzahlen werden können. Der Fehler ist unbestreitbar im System zu suchen: Niemand hat die Führungsinstanzen oder den damaligen Vorsitzenden der US-Notenbank Federal Reserve, Alan Greenspan, zu dieser Entwicklung gezwungen; sicher nicht die jahrzehntelange Systemauseinandersetzung mit dem Sozialismus, die mit dem Verschwinden der Sowjetunion im Weltmaßstab ihr Ende gefunden hat. Auch dass Kriminelle wie der Makler Bernhard Madoff und tausende andere kleine Raubfische aktiv waren und sich schließlich verschluckt haben, ändert wenig: Diese Finanz- und Börsenspieler haben nur das gemacht, was von ihnen erwartet wurde und was im System möglich war und noch immer ist: Durch Finanztransaktionen mehr zu verdienen als der tatsächlichen Wertschöpfung der Wirtschaft entspricht.

Führende Köpfe wie Alan Greenspan waren aber auch der Meinung, dass sie mit neuen technischen Methoden die Möglichkeit hätten, hochkomplexe Finanzprodukte in ihrem Wert und in ihrer Wertentwicklung zuverlässig abschätzen zu können. Es handelt sich dabei vor allem um eine mathematische Funktion aus der Wahrscheinlichkeitstheorie, einer wesentlichen Erweiterung der Korrelation zur Bestimmung des Zusammenhangs zwischen unscharfen, stochastischen Ereignissen. Es entbehrt nicht einer gehörigen Portion an Ironie, dass ein awissenschaftliches ökonomisches System wie der moderne Imperialismus heute als Grund für die aktuelle, umfassende Finanz- und Wirtschaftskrise eine finanzwissenschaftliche Formel angibt, konkret die Gauß’sche Copula Funktion von David X. Li. 1)

Ungeachtet aller Ignoranz der Finanzhaie und professionellen Pokerspieler, die unfassbare Vermögen durch vollkommen unsachgemäße Anwendung eines Prognoseverfahrens vergeigt haben, gilt doch die böse Einschätzung: Die von allen Menschen immer und immer wieder erlebte Unzuverlässigkeit einer Wettervorhersage auf Grund meteorologischer Daten wird nur von einer anderen Wissenschaft übertroffen: der Ökonomie. Der Grund dafür ist banal: Die experimentellen Daten der „Elemente“ der Meteorologie sind bestens bekannt: der Dampfdruck von Wassertropfen; die unlösbaren Probleme für zuverlässige Prognosen entstehen durch Nicht-Gleichgewichtszustände, durch nichtlineare Systeme, durch den dialektischen Nebenwiderspruch von Chaos und Ordnung. In der Ökonomie sind zusätzlich zu all diesen objektiven Schwierigkeiten noch anstelle von wissenschaftlich weitgehend exakt fassbaren Wassertropfen die einzelnen, selbständig, rational oder irrational handelnden Akteure in der Wirtschaft samt Börsenmaklern zu beschreiben, wissenschaftlich nicht definierbare Märkte, politische Entscheidungen und vieles andere mehr zu berücksichtigen.

Eine Krise wie so viele zuvor?

Aber wie ist die aktuelle Krise tatsächlich im Vergleich zu früheren einzuschätzen? Ist sie „nur“ eine der vielen zyklischen Krisen?

Im Vergleich zur Weltwirtschaftskrise der 30iger Jahre gibt es wesentliche Unterschiede: Zur Finanz- und Nahrungsmittelkrise damals kommen heute Energie- und Umweltkrise dazu; auch die Krise der Rohstoffmärkte und des Transportwesens ist alles andere als abschätzbar. Auf Grund dieser Unterschiede und der Unmöglichkeit, die Schwierigkeiten systeminhärent zu lösen, sprechen manche marxistische WirtschaftswissenschaftlerInnen von einer finalen Krise des Kapitalismus. Diese Einschätzung vereinfacht gar nichts, eher umgekehrt.

Der vermeintliche Sieger im Kalten Krieg, der für einige Regionen und Länder immer heiß gewesen ist, steht vor den Trümmern einer Entwicklung, die er ganz ohne Gegner verursacht hat. Auf Grund welcher Erleuchtungen soll er jetzt geschickter, fehlerfreier agieren? Auch die US-amerikanischen Spitzenuniversitäten wie Yale und Harvard, die direkten Zugang zu „ihren“ Nobelpreisträgern und den besten Prognoseinstrumenten hatten und über ihre Stiftungen nicht nur für europäische Universitäten unermesslich reich waren, haben bis zu 40 Prozent ihres Vermögens verloren, müssen erstmals in ihrer Geschichte Personal kündigen, wesentliche wissenschaftliche Projekte einstellen, und suchen Schuldige in Hegde-Fonds-VerwalterInnen, Rating Agenturen und FinanzmanagerInnen. Im Rahmen aller gegebenen Möglichkeiten haben sie vermutlich optimal gehandelt, und sind trotzdem gescheitert.

Inwieweit gesellschaftliche Systeme durch Modelle überhaupt umfassend beschrieben und ihre Entwicklung zuverlässig prognostiziert werden kann, ist hier nicht diskutierbar. Um aber das tragische Schicksal des Truthahns wieder aufzugreifen, dessen Weltsicht offenbar zu eingeschränkt ist: Die Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln und die sich daraus ergebenden widersprüchlichen Klasseninteressen kommen in den ökonomischen Modellen zur Beschreibung des herrschenden Finanzsystems nicht vor; ob sie überhaupt korrekt abbildbar sind, ist mehr als fraglich. Diese wesentliche Beschränkung ist sicher ein bedeutender Grund für die mangelhafte Zuverlässigkeit ökonomischer Prognosemodelle.

Grundlegende Alternativen sind gefragt! ALBA und vieles mehr!!

Evo Morales, der bolivianische Kokabauernführer als Staatspräsident, sieht die Welt realistischer: „Es wäre ein unverzeihlicher Fehler, die Krise des Kapitalismus mit Methoden des Finanzmarktes beheben zu wollen!“ Mit diesem Standpunkt ist er in Lateinamerika sicher nicht allein. Die theoretischen Grundlagen und praktischen Anwendungen werden in Kuba schon seit 1998 bei jährlichen, großen internationalen Konferenzen über Fragen der Globalisierung auf wissenschaftlicher und politischer Ebene diskutiert; dies übrigens auf Anregung von Fidel, der schon im November 2000 von einer unglaublich aufgeblähten, virtuellen Wirtschaft gesprochen hat, deren Blase schließlich platzen wird – auch mit dieser Einschätzung hat er recht gehabt! Venezuela leistet mit der bolivarianischen Regierung und Hugo Chávez wesentliche praktische Beiträge durch seine großen Ressourcen und beträchtlichen Finanzmittel. Der entscheidende Schritt, das weltweite Alleinstellungsmerkmal Lateinamerikas, war aber die Gründung zwischenstaatlicher Strukturen, ausgehend von ALBA, der Bolivarianischen Allianz für die Völker „Unseres Amerikas“. Sie wurde 2004 zwischen Kuba und Venezuela gegründet als Gegenpart zu ALCA, der von den USA dominierten Freihandelszone, und hat derzeit neun Mitgliedsstaaten und zwei Beobachter. (Auf die besondere Situation von Honduras und die „conditio sine qua non“ der Putschisten: „Austritt aus ALBA!“ kann hier nur hingewiesen werden!) ALBA ist alles andere als nur ein neues Wirtschaftsübereinkommen, denn es setzt auf die Kooperation zwischen Völkern durch Austausch von unterschiedlichen Fähigkeiten und auch nichtmaterieller Ressourcen: Kuba schickt zehntausende LehrerInnen und ÄrztInnen und erhält dafür Rohstoffe, Energie, Nahrungsmittel, um nur ein Beispiel zu nennen. Der Unterschied zu traditionellen Wirtschaftsabkommen äußert sich auch in der vollkommen unterschiedlichen ökonomischen und staatlichen Struktur der Mitgliedsländer: Dominica, im Februar 2007 beigetreten, ist eine Karibikinsel weniger als doppelt so groß wie Wien, und gleichzeitig Mitglied des Commonwealth. Teil von ALBA ist auch die Banco del ALBA, eine eigene Entwicklungsbank, die z.B. Industrieverbunde (Gran Nacionales) finanziert. Die neue Qualität der Kooperation im Amerika südlich des Rio Grande geht aber viel weiter: teleSUR stellt über Satelliten elektronische Kommunikation und mediale Information zur Verfügung, unabhängig von und gegen CNN und BBC; Petrosur und Petrocaribe fördern und erschließen Erdöl und Erdgas, darunter in einem der weltweit interessantesten Hoffnungsgebiete, dem Orinoco-Becken, auch wenn dessen Ölqualität umstritten ist; und vor allem als übergreifende Klammer die Banco del Sur, die südamerikanische Entwicklungsbank und Alternative zu Weltbank und Internationalem Währungsfonds, mit dem SUCRE (Sistema Único de Compensación Regional) als einheitlicher Währung für Warengeschäfte ab 2010. Letzteres gewinnt als Teil ALBAs besondere Bedeutung im Mercosur, dem „Gemeinsamen Markt Südamerikas“, der schon seit 1991 besteht.

Und die weltweiten Folgen?

Bei vielen unterschiedlichen Prognosen über die Folgen der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise besteht eine Übereinstimmung: Die Rolle des US-Dollars wird zumindest kleiner werden. Der Banco del Sur kommt dabei eine wichtige Rolle zu: Erst kürzlich bei einem Mercosur-Gipfel Ende Juli wurde die Ablösung des US-Dollars als Zahlungsmittel bei internem Warenhandel beschlossen. Diese Ablösung der US-amerikanischen Währung geht auch in anderen Regionen und auf anderen Ebenen vor sich: Russland bringt über großzügige Kreditlinien an die Banco del Sur den Rubel ins Spiel, die arabischen Länder suchen mit dem Khaleeji nach einer gemeinsamen Währung, die ASEAN-Staaten mit China, Japan und Südkorea wollen mit der Chiang-Mai-Initiative seit einigen Jahren eine Ausweitung der Finanzkrise vermeiden, und China mit seinen riesigen Dollarreserven will über Sonderziehungsrechte beim IWF eine Abkehr von der bisherigen Welt-Leitwährung erreichen, wickelt seinen Handel mit Argentinien zum Teil ohne US-Dollar ab, und drängt massiv auf eine Internationalisierung des Yuan. Die Rolle Chinas und seine gesellschaftliche Entwicklung mag umstritten sein, aber seine Funktion als Widerpart der USA ist kaum zu bezweifeln; es ist in Europa weitgehend unbekannt, dass die bankrotten Werften der Panama-Kanal-Region von chinesischen Investoren aufgekauft worden sind, mit nicht abschätzbarer strategischer Bedeutung.

Die Schaffung neuer zwischenstaatlicher Strukturen in „Nuestra America“ ist bei weitem nicht abgeschlossen: Im Mai 2008 wurde UNASUR gegründet, ein Staatenbund von 12 südamerikanischen Staaten zum „Kampf gegen Ungleichheit, soziale Ausgrenzung, Hunger, Armut und Unsicherheit“. Die Gegnerschaft zu den USA und ihren Plänen zur Errichtung einer Vielzahl neuer Militärbasen drückt die Erklärung der Staats- und Regierungschefs von Ende August aus, die Südamerika als Friedenszone stärken wollen und die Anwesenheit von ausländischem Militär als Bedrohung der Sicherheit der ganzen Region bezeichnen.

Schon diese kurze Skizze der Entwicklung in Lateinamerika und der Karibik im Rahmen der Finanz- und Wirtschaftskrise macht wesentliche Unterschiede zur Europäischen Union deutlich: Bei dieser gilt „alternativloses Festhalten an Marktmechanismen“, besonders auch bei Freihandelsabkommen mit Lateinamerika. Eben dort schafft ALBA neue Austauschbeziehungen durch Kooperation und Solidarität. Gerade in Bezug auf Lateinamerika kann die EU kaum als etwas anderes als die europäische, kulturelle Variante von ALCA bezeichnet werden.

Die Auswirkungen der weltweiten strukturellen Krise sind in Tiefe und Art noch nicht wirklich abschätzbar: Die Rechnungen für die noch vor wenigen Monaten als undenkbar bezeichneten Sanierungsprogramme für das Banken- und Versicherungssystem sind noch nicht bezahlt – Millionen von Arbeitslosen, Hunger und Armut in allen Teilen der Welt sind zu erwarten. Die Entwicklung der internationalen Rohstoff- und Dienstleistungspreise ist kaum zu prognostizieren: Auf Grund von Dürre in Indien und Bioethanolproduktion in Brasilien steigt der Zuckerpreis auf ein 28-Jahres-Hoch; Nickel erreicht nach einem 20monatigen Preisverfall binnen weniger Wochen wieder Preise über dem langjährigen Durchschnitt; die Beispiele lassen sich fortsetzen.

Pater Miguel d’Escoto, von der Financial Times als „rebellischer Priester“ gewürdigt, stellte angesichts der überbordenden Probleme letzten Endes optimistisch fest: „Die heutigen Schmerzen sind nicht der röchelnde Atem des Sterbens, sondern die Schmerzen der Geburt!“

Hans Mikosch (Hans.Mikosch@TUWien.ac.at)

Assistenzprofessor, TU Wien

Vorsitzender der Österreichisch-kubanischen Gesellschaft

ad1) (siehe zB <http://www.wired.com/techbiz/it/magazine/17-03/wp_quant>:
‚Recipe for Disaster: The Formula That Killed Wall Street‘)