Kommentar von Ass.Prof. Dr. Hannes Fellner über die Situation an unseren Universitäten

Es ist ein bekanntes Faktum, das regelmäßig durch nationale und internationale Studien bestätigt wird: Österreichs Bildungssystem ist selbst im Vergleich mit anderen Industriestaaten nicht nur nicht in der Lage, soziale Unterschiede auszugleichen, sondern verstärkt diese auf allen Ebenen. Dieser Umstand wird durch die Pandemie und den mit ihr einhergehenden sozioökonomischen Verwerfungen noch weiter verschärft.
Im Hochschulbereich sind berufstätige Studierende und das Mittelbau-Prekariat in Forschung und Lehre – darunter wiederum überdurchschnittlich Frauen – besonders von den sich zwischen Unfähigkeit, Schlamperei und Kalkül bewegenden Pandemie-Maßnahmen der Regierung betroffen.

Gerade in dieser schwierigen Zeit wird der Klassenkampf von oben aber sogar noch weiter zugespitzt. Während es von Regierungsseite keinerlei sinnvolle Maßnahmen gegen die zunehmende Arbeitslosigkeit gibt, die Erhöhung des Arbeitslosengeldes strikt abgelehnt und sogar gegen Arbeitslose Stimmung gemacht wird, wird gleichzeitig die Umverteilung von Steuergeld an Konzerne forciert. Bereits jetzt beginnt sich in diesem Zusammenhang Sparpolitik abzuzeichnen – wie etwa die Abschaffung der Hacklerregelung –, die in ihrer Gesamtheit auf Kosten des Sozial-, Gesundheits- (!) und Bildungssystem gehen wird.

Auch Forschung- und Lehre an den Universitäten werden wohl von dem sich ankündigenden Sparzwang nicht verschont bleiben. Auf einer anderen Ebene zeigt sich der zugespitzte Klassenkampf auf den Hochschulen bereits, nämlich bei der im Raum stehenden Novelle des Universitätsgesetzes. Letztere sieht – neben weiterer Einschränkung des universitären Mitspracherechts bei Bestellung der Universitätsleitung – unter anderem Mindestleistungsvorgaben für Studierende vor, bei deren Ausbleiben Exmatrikulation droht. Dies wird insbesondere werktätige Studierende treffen.
All dem muss entschieden durch Solidarität und gemeinsame Aktion von fortschrittlichen AkademikerInnen zusammen mit der ArbeiterInnenbewegung entgegengetreten werden!
Dies mit dem Anspruch, nicht nur Bildungsprivilegien zu hinterfragen und abzuschaffen, sondern mit dem Ziel das jetzige Bildungssystem durch eines zu ersetzen, das diesen Namen auch wirklich verdient. Denn vom Kindergarten bis zur Universität geht es im Kapitalismus primär nicht um Bildung, sondern Ausbildung, nicht um Aufklärung, sondern um Formierung, nicht um Entfaltung, sondern Anpassung, nicht um Freiheit, sondern Gehorsam.

Dem gilt es ein wahres Bildungssystem entgegenzusetzen, in dem die Förderung der sozial-gesellschaftlichen, kulturell-künstlerischen, wissenschaftlich-technischen Potenziale jedes Menschen im Vordergrund steht. Ein Bildungssystem, in welchem mündige Menschen erzogen werden, die aufgrund von breiter Sachkenntnis und allseitigem Wissen die Zusammenhänge in Natur und Gesellschaft verstehen und – die Trennung zwischen geistiger und manueller Tätigkeit aufhebend – gemeinschaftlich gestalten können. Ein Bildungssystem also, das Menschen dazu befähigt, wissenschaftlich informierte nachhaltige Entscheidungen für sich, ihr Umfeld und die Gesellschaft im Ganzen treffen und vernünftig praktisch umsetzen zu können.