Marxismus ohne Hegel?

„Die Dialektik steht bei
Hegel Kopf“ – Friedrich Engels

Der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel feiert diesen Sommer seinen 250. Geburtstag. Seine Ideen haben die Welt verändert. Oder zumindest hätten sie es, wenn er sie in einer einigermaßen verständlichen Weise ausgedrückt hätte. Doch obwohl seine Schriften für die meisten Personen teilweise bis ausnahmslos unbegreiflich sind, ist sein Einfluss auf die Weltanschauung der Menschen von damals bis heute nicht zu unterschätzen. Seine Lehren wurden vor allem durch seine Schüler – ob sie nun Verfechter oder Widersacher seines Systems waren – als Grundlage für verschiedene politische Ideen verwendet. Darunter auch Marx und Engels mit ihrer materiellen Dialektik. Doch wie wichtig ist Hegels Einfluss für die Entwicklung des Marxismus gewesen?

Hegel ging als Vertreter des Idealismus davon aus, dass die Wirklichkeit primär durch den Geist und den Gedanken gegeben ist. Doch die sogenannten Junghegelianer wandten sich nach Hegels Tod von seinem, im philosophischen Diskurs vorherrschenden, Denken ab und formulierten eine Weltanschauung, bei der die Materie die Basis der Realität bildet. Darunter Ludwig Feuerbach mit seiner ausführlichen Idealismus- und Religionskritik, die einen Aufbruch hin zum Humanismus darstellte. Marx, anfangs fasziniert von diesem neuen Materialismus, wandte sich später von Feuerbach ab und warf ihm vor, die menschliche Tätigkeit und somit die Politik aus seinem sonst so radikalen Denken auszuschließen. Eine knappe Kritik findet sich in den 11 „Thesen über Feuerbach“ wieder, die Marx in dieser Zeit niederschrieb.

Was bleibt nun noch übrig, nachdem der Kern des Hegelschen Systems verworfen wurde? Marx und Engels warfen im Gegensatz zu den meisten anderen Junghegelianern nicht das gesamte System über Bord, sondern retteten Teile davon vor den idealistischen „Fieberphantasien“ Hegels und stellten sie „vom Kopf zurück auf ihre Füße“. Konzepte wie die der Entfremdung und der Dialektik wurden mit einem materiellen Weltbild verknüpft und schufen die Grundlage des Marxismus.

Die dialektische Methode stellt dabei wohl das wichtigste Erbe dar. Hegel sah die Welt und das Wissen nicht als von starren Regeln definierte Gegebenheit, sondern als Ding, dass sich in ständiger Bewegung befindet und sich somit ständig weiterentwickelt. Dies veranlasste Marx die Geschichte der Gesellschaftsstruktur als eine ständige Bewegung zu betrachten, wobei der Kapitalismus nur eine der vielen Stufen darstellt und früher oder später überwunden werden muss. Marx‘ Hauptwerk „Das Kapital“ ist, ähnlich wie die Werke Hegels, eine dialektische Entwicklung von Begriffen die logisch aufeinander aufbauen. Engels baute in seinem unvollendeten Werk „Dialektik der Natur“ den immerwährenden dialektischen Fortschritt der Dinge auf die Naturwissenschaften aus.

Die Weitsicht Marx‘, die es ihm ermöglicht hat, Dinge vorauszusagen, die sich erst 100 Jahre später bewahrheitet haben, ist wohl auf die Verwendung der Hegelschen Dialektik zurückzuführen. Die Entstehung des politischen Werks von Marx und Engels wäre ohne der Vorarbeit Hegels nicht möglich gewesen. Darüber war sich auch so mancher russischer Revolutionär im Klaren.

    „Ohne Vorausgang der deutschen Philosophie, namentlich Hegels, wäre der deutsche wissenschaftliche Sozialismus – der einzige wissenschaftliche Sozialismus, der je existiert hat – nie zustande gekommen.“

– Wladimir Iljitsch Lenin in „Was tun?“