Liebe Standard-Redaktion,


wir müssen reden. Und zwar darüber, wie ihr in eurer Reportage über den ÖH-Wahlkampf des KSV berichtet habt. Als Menschen, die gegen den Strom schwimmen, sind wir einiges gewohnt.[1] So wundert es uns wenig, dass auch „Der Standard“ für einen reißerischen Artikel Aussagen zum Teil derart verkürzt darstellt, dass der Inhalt verfälscht wiedergegeben wird. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Und die vermeintliche Wiedergabe unserer Positionen zur Geschichte der kommunistischen Bewegung im Allgemeinen und zu Stalin im Besonderen ist eindeutig zu viel. Wir wären selbst schockiert, wenn sich das, was ihr über unsere vermeintlichen Positionen berichtet habt, mit unseren tatsächlichen Positionen decken würde.


Aber von Beginn an. Wir beginnen mit einer Feststellung, die euch nicht gefallen wird. Wir halten die Sowjetunion nicht für einen historischen Fehler. Das revolutionäre Russland ist einseitig aus dem mörderischen Treiben des Ersten Weltkriegs ausgetreten, die junge Sowjetunion hat wichtige Schritte zur Beseitigung des Analphabetismus, zu einer Besserstellung der Lage der ArbeiterInnen und BäuerInnen oder zur Gleichstellung der Frauen vor dem Gesetz (wenngleich sich die reale Gleichstellung als steiniger Weg erweisen sollte) geleistet. Die UdSSR hat die Hauptlast in der Niederringung des Nazi-Faschismus geleistet, einen wichtigen Beitrag zur Überwindung der kolonialen Unterdrückung im globalen Süden geleistet und ihre Existenz als Systemalternative hat zu einer erheblichen Steigerung des Lebensstandards der arbeitenden Menschen auch in Westeuropa beigetragen.


All das wollen und können wir aber freilich nicht sehen ohne die Fehler und Verbrechen die unter den Bedingungen von Repression nach innen, bürokratischer Erstarrung und äußerer Bedrohung geschehen sind. Dass die Sowjetunion kein historischer Fehler war, heißt für uns nicht, dass sie fehlerlos gewesen wäre. Darauf wurde von unserer Spitzenkandidat Sonja Beier auch im Gespräch mit dem „Standard“ hingewiesen, die in deutlichen Worten den Tod von zahlreichen unschuldigen Menschen verurteilt hat. Davon liest man in eurer Reportage nichts. Ihr habt die Aussagen derart zusammengestückelt, dass sich bei den LeserInnen geradezu die Parallele zum dümmsten und schäbigsten aller historischen „Argumente“ aufdrängt, der Verweis auf den Bau der Autobahnen.


Lasst uns euch in aller Deutlichkeit sagen: Nichts liegt uns ferner als das, wir sind keine Ewiggestrigen. Gerade wir als KommunistInnen mussten in schmerzlicher Auseinandersetzung mit unserer eigenen Geschichte erfahren, dass im Namen einer Idee, die angetreten ist, die Menschheit von Ausbeutung und Unterdrückung zu befreien, entsetzliche Verbrechen gegen Menschen verübt wurden. Das wollen wir weder relativieren, noch verschweigen. Im Gegenteil: Nur die Auseinandersetzung mit den Fehlern der kommunistischen Bewegung ermöglicht uns, in einem nächsten Anlauf zu einer Überwindung des Kapitalismus eben diese Fehler nicht zu wiederholen, sondern den Weg zu einer egalitären, klassenlosen und herrschaftsfreien Gesellschaft zu schaffen.


Wir verstehen, dass „Der Standard“ uns KommunistInnen gegenüber nicht wohlgesonnen ist. Laut über einer Alternative zur gegenwärtigen Herrschaft des Kapitals, zur geradezu uneingeschränkten Macht der Banken und Konzerne nachzudenken, macht schon eure Abhängigkeit von Inseraten unmöglich. Aber messt doch nicht derart mit zweierlei Maß! Welche bürgerliche Partei muss sich euch gegenüber für den Aufstieg der europäischen Wirtschaftsnationen und der USA rechtfertigen? Waren es nicht Sklaverei und kolonialer Völkermord, entsetzliches Elend der Unterklassen, die Verfolgung von Minderheiten als Sündenböcke und eine kriegerische Blutspur bis in die heutige Zeit, die das Fundament des Wirtschaftssystems bilden, das ihr heute als alternativlos und als das Ende der Geschichte darstellt?


Wenn wir über Geschichte diskutieren, dann sollten wir das ohne Scheuklappen tun. Die Frage nach einer historischen Alternative zum gegenwärtigen System des Kapitalismus drängt sich nämlich heute dringender auf denn je: Der Kapitalismus ist ein System, von dem einige Wenige auf Kosten der breiten Mehrheit profitieren. Ein immer größerer Teil der Weltbevölkerung lebt in extremem Elend, auch in Europa und Österreich geht die Schere zwischen Reich und Arm immer weiter auseinander. Kriege werden wieder zu einem selbstverständlichen Mittel der Politik und die Umwelt wird auf Kosten von Profiten zerstört.


Für uns KommunistInnen steht fest, dass die Welt nicht bleiben darf, wie sie ist. Wie sie werden soll, darüber müssen wir diskutieren. In der historischen Auseinandersetzung mit unserer eigenen Geschichte und in der Diskussion mit allen Menschen, die mit uns das Ziel teilen, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ (Karl Marx)




[1] Bereits das erste Interview des KSV bei FM4 hat der Spitzenkandidatin einen Vorgeschmack geliefert, wie „Qualitätsjournalismus“ aussehen kann. „Gegen Frauenquoten“ wurde ihr gleich in der Überschrift in den Mund gelegt; ein Zitat, welches im gesamten Interview nicht gefallen ist. Dies wurde nachträglich von der Redaktion berichtigt.






Artikel zum KSV im Print-Standard vom 29.04.2015