„Lauter Trotteln!“, seien sie, die Österreicher. So zumindest die Quintessenz des Chors der Antipatrioten von linksliberaler, antinationaler, grüner, trotzkistischer, revisionistischer und KPÖ-transformationslinker Seite. Dass die einfachen, arbeitenden Menschen Österreichs sich beharrlich weigern, Österreich abzulehnen, dass sie ihr Land lieben, stört die „linken“ und liberalen Antipatrioten in höchstem Maße, erstrecht in Zeiten der Fußball-EM im eigenen Land. Konzentriertester Ausdruck der nationalchauvinistischen Dumpfheit der Österreicher seien sodann die rot-weiß-roten Fahnen auf den Autos. Natürlich rächt es sich in den vorhandenen Abkanzelungen, Patriotismus, Nationalismus und Chauvinismus nicht voneinander unterscheiden zu können; Ähnliches gilt für Internationalismus und Kosmopolitismus. Wichtiger ist aber: Wer das Fühlen und Denken der einfachen Menschen in Österreich so wenig begreift und derartig abqualifizieren möchte, der braucht sich nicht wundern, wenn seine abgehobenen und überheblichen Politkonzepte die Massen nicht ergreifen.

Wie wird argumentiert? – „Die Arbeiter haben kein Vaterland“, hätten doch Karl Marx und Friedrich Engels im „Kommunistischen Manifest“ geschrieben. [1] Ganz flott erinnern sich die übelsten Antimarxisten und Revisionisten plötzlich wieder an Marx, wenn es darum geht, den proletarischen Patriotismus zu delegitimieren. Allerdings nur an fünf Worte, der Rest dieses Absatzes wird freilich unterschlagen, ob bewusst oder unbewusst. Die zitierte Entgegnung bezieht sich auf den vorangestellten Satz: „Den Kommunisten ist ferner vorgeworfen worden, sie wollten das Vaterland, die Nationalität abschaffen.“ Und der Absatz endet mit der Erklärung: „Indem das Proletariat zunächst sich die politische Herrschaft erobern, sich zur nationalen Klasse erheben, sich selbst als Nation konstituieren muss, ist es selbst noch national, wenn auch keineswegs im Sinne der Bourgeoisie.“ [2] (Die Worte „zur nationalen Klasse“ präzisierte Engels 1888 als „zur führenden Klasse der Nation“.)

Es ist eben unklug, einzelne Sätze aus ihrem Zusammenhang zu reißen. Was Marx und Engels hier schreiben, bedeutet Folgendes: Im Kapitalismus ist das Land aufgrund seiner Konstitution nicht in der Hand der Arbeiterklasse, sondern ein bürgerliches Staatswesen. In diesem übt die minoritäre Bourgeoisie die Herrschaft aus und stellt auf dieser Basis den Anspruch, für die gesamte Nation zu sprechen und zu handeln, obwohl die große Mehrheit, die Arbeiterklasse, politisch, ökonomisch, sozial und kulturell unterdrückt wird. Jeder Staat ist ein Klassenstaat, dementsprechend auch die Aufgabe der Arbeiterklasse. Wenn Marx und Engels meinen, das Proletariat müsse sich zur nationalen Klasse oder zur führenden Klasse der Nation erheben, dann bedeutet das, dass es die politische Macht erobern und sich als herrschende Klasse organisieren muss. Das tut die Arbeiterklasse auf revolutionärem Wege, innerhalb der eigenen Nation und des eigenen Landes, aber bereits nicht mehr im bisherigen Staatswesen. Sie setzt an dessen Stelle den sozialistischen Staat, die Diktatur des Proletariats. Innerhalb dieses Klassenstaates übt die majoritäre Arbeiterklasse die Herrschaft aus und beansprucht, nun immerhin für die überwältigende Mehrheit der Nation zu sprechen und zu handeln. Dabei hat sie aber nur ein Ziel, nämlich die Klassengegensätze und die Existenz von Klassen schlechthin aufzuheben, auf dass es tatsächlich eine einheitliche Nation gibt, damit aber eben auch die eigene Klassenexistenz, die eigene Herrschaft und den eigenen Staat aufzuheben. Ist das global geschehen, so wird auch die Kategorie der Nation überflüssig. Vorher nicht. – In diesem Sinne schreiben Marx und Engels, immer noch an selbiger Stelle im „Manifest“: „In dem Maße, wie die Exploitation des einen Individuums durch das andere aufgehoben wird, wird die Exploitation einer Nation durch die andere aufgehoben. Mit dem Gegensatz der Klassen im Innern der Nation fällt die feindliche Stellung der Nationen gegeneinander.“ [3]

Was Marx und Engels rund um den fraglichen „Manifest“-Abschnitt auch bewerkstelligen wollten, ist die Begründung des proletarischen und sozialistischen Internationalismus, dementsprechend endet das „Manifest“ bekanntlich mit dem Aufruf: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“. [4] Doch Internationalismus bedeutet nicht Nihilismus in der nationalen Frage, auch nicht kosmopolitische Gleichgültig- oder Überheblichkeit bezüglich derselben. „Eine internationale Bewegung des Proletariats“, schreibt Engels, „ist überhaupt nur möglich zwischen selbständigen Nationen.“ [5] Internationalismus funktioniert – wie das Wort selbst ja schon leise andeutet – nur zwischen Nationen, nicht mittels Negierung oder Ersetzung derselben. Und Lenin bringt auf den Punkt, worum es also geht: „Es gibt nur einen wirklichen Internationalismus: die hingebungsvolle Arbeit an der Entwicklung der revolutionären Bewegung und des revolutionären Kampfes im eigenen Lande, die Unterstützung (durch Propaganda, durch moralische und materielle Hilfe) eben eines solchen Kampfes, eben einer solchen Linie und nur einer solchen allein in ausnahmslos allen Ländern.“ [6] – Ganz genau so ist auch die Bemerkung des „Manifests“ zu verstehen: „Obgleich nicht dem Inhalt, ist der Form nach der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie zunächst ein nationaler. Das Proletariat eines jeden Landes muss natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden.“ [7]

Unter heutigen europäischen „Linken“, gar „Kommunisten“, ist das mitunter unbekannt, in Lateinamerika hingegen ist dies eine allseits bekannte Weisheit. Es ist kein Zufall, dass lateinamerikanischen Revolutionäre unter der Losung „Vaterland oder Tod“ in den Kampf ziehen, sei es in Kuba, Chile, Nicaragua oder Venezuela – und gleichzeitig ist es kein Zufall, dass gerade in diesen Ländern höchster Wert auf internationale Solidarität gelegt wird (bzw. wurde). Der chilenische Kommunist Luis Corvalán kommt daher ganz analog zu Lenin zu der Auffassung, dass „der Hauptbeitrag der Revolutionäre zur weltweiten Befreiung der Völker und zum Sieg der Arbeiterklasse im internationalen Maßstab vor allem darin [liegt], für diese Sache im eigenen Lande zu kämpfen und auf dieser Grundlage maximale moralische und materielle Solidarität mit dem revolutionären Kampf der anderen Länder zu üben.“ [8]

Corvalán spricht vom „eigenen Land“. Auch das ist ein Terminus, der einem von „antipatriotischen Linken“ in einem anderen Zusammenhang bisweilen an den Kopf geworfen wird. Denn: „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“, warnte Karl Liebknecht während des Ersten Weltkrieges. Diese damit plump agierenden Leute verkürzen die Aussage gerne auf: Der Hauptfeind ist das eigene Land, was den eigentlichen Inhalt – freundlich gesagt – konterkariert. Aber Liebknecht präzisierte an selbiger Stelle auch: „Der Hauptfeind jedes Volkes steht in seinem eigenen Land … Diesen Feind im eigenen Lande gilt’s … zu bekämpfen, zu bekämpfen im politischen Kampf, zusammenwirkend mit dem Proletariat der anderen Länder, dessen Kampf gegen seine heimischen Imperialisten geht.“ [9] – Ein wichtiger Teil dieser Aussagen ist aus proletarischer Sicht: Es ist unser Land! Wir lassen es uns nicht von der imperialistischen Bourgeoisie ruinieren, wir müssen es ihr wieder entreißen!

Liebknecht kommt jedenfalls zum selben Ergebnis wie Marx und Engels, wie Lenin und Corvalán. Alle fünf haben die Dialektik von Nationalem und Internationalem, von Patriotismus und Internationalismus, natürlich verstanden. Nicht viele österreichische Kommunistinnen und Kommunisten (respektive Menschen, die sich als solche bezeichnen) können dies für sich in Anspruch nehmen. Ernest Kaltenegger von der steirischen KPÖ-Landesorganisation sagte im März dieses Jahres bei einer Kundgebung anlässlich des 70. Jahrestages der Okkupation Österreichs durch Deutschland jedoch: „Lassen wir nicht zu, dass rechte Pharisäer und Scharlatane die Gefühle und Sehnsüchte vieler Menschen missbrauchen können. Begriffe wie Heimat, Nation oder Sicherheit sind bei einigen von uns verpönt, weil sie damit braunen Sumpf und Verzopftheit verbinden. Ich halte dies für überheblich und kurzsichtig. Wir dürfen diese Werte nicht einfach den Ewiggestrigen überlassen. – Internationalismus und Patriotismus sind nicht unversöhnliche Gegensätze, wie man es manchmal darstellen möchte. Sind im Kampf gegen den Nationalsozialismus nicht gerade glühende Internationalistinnen und Internationalisten für Österreich gestorben? War es nicht die KPÖ, die 1938 als einzige Partei das österreichische Volk aufrief, für ein freies und unabhängiges Österreich zu kämpfen? In den Stellungen der Internationalen Brigaden vor Madrid oder in Katalonien wurden gelegentlich auch alte österreichische Volkslieder gesungen. – Heute, 70 Jahre nach der Okkupation soll an die Verbrechen erinnert werden, die der Machtergreifung der Nazis folgten. Dies ist auch Anlass daran zu erinnern, dass die Ultrarechten nie für Heimat, Nation oder Sicherheit standen – im Gegenteil: Sie waren stets deren Totengräber!“ [10] – In der KPÖ ist dies heute offenbar eine Minderheitenmeinung, womit nicht nur viel über den Charakter, sondern auch über die Bedeutung und die Perspektiven dieser Partei gesagt ist.

Es stünde den österreichischen Kommunistinnen und Kommunisten der Gegenwart – ob innerhalb der KPÖ oder außerhalb – gut zu Gesicht, wenigstens den Erkenntnisstand und den Realitätsbezug der frühen, damals noch marxistischen Sozialdemokratie zu erhalten. August Bebel meinte über den Patriotismus: „Wir bekämpfen den Patriotismus nicht an und für sich, sondern nur insofern, als dieser ein Hetzmittel gegen fremde Nationalitäten dient, als er dazu benutzt wird, den Chauvinismus, den Nationalitätenhass und die Nationaleitelkeit großzuziehen, um mit Hilfe dieser Eigenschaften beliebige Kriege entzünden zu können … Der Patriotismus, der in der Liebe zum Land besteht, in dem man geboren, in dessen Sitte und Sprache man erzogen ist, das mit einem Wort den Boden bildet, in dem unser Sein wurzelt und sich entfaltet, dieser Patriotismus wird von der Sozialdemokratie nicht nur nicht verworfen, er wird dadurch tagtäglich von ihr in höchstem Maße dadurch geübt, dass sie das System, das auf diesem Boden herrscht, mit aller Kraft bekämpft und jedem, der diesen Boden verlassen will, zuruft: ‚Hic Rhodus, hic salta – bleibe hier und kämpfe mit, hier ist der Boden, auf dem wir die neue Zeit, die neue Welt zu erkämpfen und zu schaffen haben‘.“ [11]

Wer sein Land nicht liebt, wird es niemals verändern können. Das werden die gelehrten „linken“ Antipatrioten nie verstehen, deshalb möchte ich es anders formulieren: Der autonomen Subjektivität des antinationalen Nihilismus und der kosmopolitischen Transzendenz des inszenierten Intellektualisten entspricht die autarke Objektivität des politischen Autismus des realisierten Dorftrottels.

Fußnoten:
[1] Marx, Karl/Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei. MEW 4, S. 479
[2] ebd.
[3] ebd.
[4] ebd., S. 493
[5] Engels, Friedrich: Brief an Kautsky (1882). MEW 35, S. 270
[6] Lenin, W. I.: Über die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution. LW 24, S. 60
[7] Marx, Karl/Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei. MEW 4, S. 474
[8] Corvalán, Luis: Das Bündnis der revolutionären antiimperialistischen Kräfte in Lateinamerika. In: Freiheit für Chile! – Reden und Aufsätze, Frankfurt/M. 1973, S. 11
[9] Liebknecht, Karl: Der Hauptfeind steht im eigenen Land! In: Reden und Aufsätze, Frankfurt/M. 1972, Bd. 2, S. 25
[10] Kaltenegger, Ernest: Schöne Worte allein sind zu wenig. Internet: http://wien.kpoe.at/news/article.php/20080403101445838
[11] zitiert nach: Engelberg, Ernst: Die Nation und die Linke – historische Anmerkungen. In: Neues Deutschland, 25/26.11.2000, S. 21
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