„Eine umfangreiche Studie über kommunistische Frauenpolitik zwischen revolutionärem Aufbruch und patriarchalischem Backlash“ wollte die AGM herausgeben und Genossin Cristina Fischer hat uns ihre Rezension über diese Studie zukommen lassen, in der sie Interessantes heraushebt aber andererseits auch die „undialektischen“ Verwirrungen (ein Wahrzeichen trotzkistischer Forschung) aufzeigt.

Den Versuch einer “kritischen Auseinandersetzung mit Theorie und Praxis kommunistischer Frauenpolitik” unternimmt diese mehr als 500 Seiten umfassende Publikation der AG Marxismus (Wien). Im Mittelpunkt des zum größten Teil von Manfred Scharinger verfaßten Bandes steht die Frauenpolitik des ersten sozialistischen Staates der Welt, der Sowjetunion.

Zunächst werden die historischen Ausgangsbedingungen geschildert. Das vorrevolutionäre Rußland war nicht feministisch “vorbelastet”; anders als in Deutschland oder Großbritannien gab es keine Frauenbewegung bzw. diese begann sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eben erst herauszubilden. Die feministische Pionierin Alexandra Kollontai berichtete später, wie schwierig es war, ihre Genossen in der russischen Sozialdemokratie von der Bedeutung der “Frauenfrage” zu überzeugen. Sie stützte sich auf Erfahrungen der deutschen Sozialistinnen, beriet sich mit Rosa Luxemburg und Clara Zetkin, informierte sich eingehend über den 1905 gegründeten Bund für Mutterschutz unter Führung von Helene Stöcker und studierte deutschsprachige Veröffentlichungen zum Thema wie „Die sexuelle Krise“ (1909) von Grete Meisel- Heß.

Riesiger Sprung vorwärts

Nach der bürgerlichen Revolution von 1905 konnte die russische Sozialdemokratie die Frauenbewegung nicht mehr ignorieren. Im Herbst 1907 entstanden erste Arbeiterinnenklubs der Partei. Lenin befaßte sich ab 1913 zunehmend mit frauen- und familienspezifischen Problemen. Seine Positionen werden ausführlich wiedergegeben. So forderte er u.a. die Einbeziehung der Frauen in die Volksmiliz, äußerte sich zu Abtreibung und Ehescheidung und diskutierte mit Inessa Armand über die „freie Liebe“. 1913 wurde in Rußland zum ersten Mal der Frauentag begangen. An der während des Ersten Weltkriegs erstarkenden Streikbewegung waren Arbeiterinnen massenhaft beteiligt, Frauen protestierten in Hungerrevolten und schürten die revolutionäre Stimmung. Schließlich wurde der Frauentag 1917 mit dem Streik der Petrograder Textilarbeiterinnen zum Auftakt der Revolution. Die „Prawda“ jubelte: „Der erste Tag der Revolution- das ist der Frauentag, der Tag der Arbeiterinnen- Internationale. Ehre der Frau! Ehre der Internationale!“ Nach der Oktoberrevolution übernahm Alexandra Kollontai das Volkskommissariat für staatliche Fürsorge, das für Frauen, Familie und Kinder zuständig war. Im Dezember 1917 wurden die Dekrete über die Zivilehe und die Ehescheidung erlassen, 1920 folgte die Legalisierung der Abtreibung.
„Zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt wurde die Frau dem Mann juristisch völlig gleichgestellt“, kommentiert Scharinger und läßt keinen Zweifel an der Tatsache: „Das revolutionäre Rußland und die junge Sowjetunion bedeuteten in Bezug auf die Situation von Frauen einen riesigen Sprung vorwärts, das an sich rückständige Land überholte die ökonomisch fortgeschrittenen westlichen Länder …“
Zu den erklärten Zielen gehörte es, die Frauen durch die Schaffung von Kindergärten und Volks- bzw. Betriebskantinen und Wäschereien zu entlasten.

Kommunistische Sexualität

Der dritte Teil des Bandes befaßt sich mit der Diskussion der russischen und deutschen Kommunisten um eine neue Sexualmoral, die vor allem in den 20er Jahren geführt wurde. In ihrer Schrift „Die neue Moral und die Arbeiterklasse“ forderte Alexandra Kollontai, daß sich die Frau nicht nur ökonomisch, sondern auch emotional und geistig- von Konventionen, Vorurteilen und von den „Fesseln der Liebe“, die sie an der Selbstverwirklichung hinderten- befreien solle. Ihre Ansichten wurden von Lenin Clara Zetkin gegenüber als „Glas- Wasser- Theorie“ banalisiert, der zufolge Sexualität ebenso unproblematisch befriedigt werden solle wie Hunger und Durst. Ausführlich vorgestellt werden in diesem Kapitel auch Ruth Fischers von Lenin geschmähtes Traktat über die „Sexualethik des Kommunismus“ (1920, von der AGM neu herausgegeben), Otto Rühles Abhandlung über „Die Sozialisierung der Frau“ (1921), die Auffassungen von Wilhelm Reich und die juristische Broschüre „Geschlechtsleben und Straftat“, die der Rechtsanwalt Felix Halle 1931 im Verlag der Roten Hilfe publizierte.
Die Arbeit der Kommunistinnen in der Roten Hilfe und die Frauenpolitik der frühen KPD werden im letzten Kapitel des Bandes behandelt. Clara Zetkin ist ein Exkurs gewidmet.

Stalins Töchter

Die feministische Morgenröte war bald vorbei. In den 30er Jahren wurde in der Sowjetunion unter Stalin eine rückschrittliche Frauen- und Geschlechterpolitik durchgesetzt. Sie brachte die Kriminalisierung der Homosexualität, das Verbot der Abtreibung und einen verstärkten Mutterkult – so wurden die dem Mutterkreuz der Nazis nicht unähnlichen Auszeichnungen „Mutter- Ruhm“ und „Mutter- Heldin“, gestaffelt nach der Kinderzahl, eingeführt.
Fragwürdig erscheint Scharinger gleichfalls die zunehmende „Propagierung der Kleinfamilie“. Die sozialistische Gesellschaft habe damit den anfangs vertretenen Anspruch, die Frauen von den Fesseln und Lasten des Haushalts zu befreien, aufgegeben. In seinem Werk „Die verratene Revolution“ (1936) kritisierte Trotzki diese Entwicklung. Er wies u.a. darauf hin, daß Tausende Frauen in der Sowjetunion noch als Dienstmädchen arbeiteten oder sich prostituierten.

Unter dem Schlagwort „Frauenunterdrückung“, wie in dem vorliegenden Buch, läßt sich die damalige Situation jedoch nicht subsumieren- sie muß differenzierter betrachtet werden. Das wird dadurch erschwert, daß seriöse Fakten über diese Zeit nicht leicht zugänglich sind. Viele ökonomische, soziale und kulturelle Leistungen werden ignoriert oder sind in Vergessenheit geraten.
So schuf der bedeutende sowjetische Regisseur Dsiga Wertow („Der Mann mit der Kamera“) 1937-38 zwei heute kaum noch bekannte Dokumentarfilme zur Frauenthematik, zunächst „Wiegenlied“ (1937), als Hymne „auf die freie Frau“ konzipiert. In „Drei Heldinnen“ (1938) berichtete er über die Rekordfliegerinnen Walentina Grisodubowa, Polina Ossipenko und Marina Raskowa. Ihr Erfolg wurde öffentlich in großem Stil gefeiert; 1938 erhielten sie als erste Frauen in der Geschichte ihres Landes den Titel „Held der Sowjetunion“. Der Film läßt die patriarchalischen Züge der damaligen Ideologie deutlich hervortreten- er zeigt bewundernswerte, starke, moderne Frauen, aber über ihnen steht der allgegenwärtige, pro Minute mindestens einmal zitierte und gepriesene „Vater“ Stalin.
Ein weiteres Beispiel für weibliche Präsenz in der Öffentlichkeit ist die Bildhauerin Wera Muchina, deren Monumentalskulptur „Arbeiter und Kolchosbäuerin“ den sowjetischen Pavillon während der Pariser Weltausstellung 1937 krönte. Die Skulptur wurde zum Wahrzeichen der Filmgesellschaft MOSFILM und schließlich zu einem Symbol der Sowjetunion selbst. In den 30er und 40er Jahren wurden also durchaus starke Frauen gefördert und vorbildhaft herausgestellt, wenngleich unter permanenter „väterlicher“ Dominanz und Aufsicht, (der die „Söhne“ ebenfalls unterworfen waren). Diese Ambivalenz wird von der AGM nicht genügend herausgearbeitet und einzig auf Mutterkult und Nationalismus bezogen.

Auch für die Zeit des Großen Vaterländischen Krieges werden keine nennenswerten Veränderungen vermerkt. Dabei wirkte sich die Teilnahme der Frauen am Kampf gegen die faschistischen Okkupanten natürlich auf ihre gesellschaftliche Wahrnehmung in der Öffentlichkeit aus. Noch während des Krieges entstanden Filme wie „Sie verteidigt die Heimat“ (1943) und „Soja Kosmodemjanskaja“ (1944) über die junge, von den Faschisten ermordete Partisanin, die 1942 postum zur Heldin der Sowjetunion ernannt wurde.
Die Materialbasis der Publikation ist hier eindeutig zu dürftig.

Eingeengter Blick

Nach Ansicht der AGM waren nicht nur die schwierigen äußeren Umstände am schleppenden Fortgang der Frauenbefreiung in der Sowjetunion schuld, sondern vor allem die beschränkten politischen Ansätze der kommunistischen Partei, die u.a. „übermäßig auf Mutterschutz orientiert“ gewesen sei. Nicht immer ist die Argumentation nachvollziehbar, wenn es z.B. heißt: „In unzähligen Propagandabroschüren wurde die ‚Festigung der Familie‘ beschworen und die große Bedeutung der Familie für den Sowjetstaat hervorgehoben“, in der Fußnote dazu allerdings nur eine einzige solche Broschüre (Winogradowa, Wien 1953) genannt wird.

Befremdlich- und durchaus typisch für die Arroganz westlicher Publizistik- ist, daß für diese sehr breite Auseinandersetzung mit russischer und sowjetischer Geschichte und Theorie keine einzige originalsprachliche Quelle herangezogen wurde. Auch Zeitschriften wie die 1914 gegründete „Rabotniza“ („Arbeiterin“), auf die im Text näher eingegangen wird, werden nur vermittels Sekundärliteratur behandelt. Es werden ausschließlich deutsche und englische Übersetzungen und Publikationen wie Tony Cliffs „Class struggle and Women’s Liberation“ (1984) verwendet. Eine quasi kolonialistische Einengung des Blicks und Verfälschungen sind dadurch unvermeidlich.
Scharinger räumt ein, daß z.B. die für den ersten Teil seiner Untersuchung relevante, 1901 von Nadeshda Krupskaja unter dem Pseudonym Sablina herausgegebene Schrift „Die arbeitende Frau“ nicht ausgewertet werden konnte.

Zu den störenden Details gehört, daß stets von Alexandra Kollontais „Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin“ die Rede ist, ein Titel, der erst in einer deutschen Neuausgabe ihrer Erinnerungen lange nach ihrem Tod aufgebracht wurde.
Wenn überhaupt sowjetische Schriftsteller (und nicht etwa Schriftstellerinnen) zum Thema zitiert werden, dann mit Negativbeispielen, wie Maxim Gorkis Bemerkungen über den Zusammenhang von Homosexualität und Faschismus, noch dazu verfälschend wiedergegeben, (in der Fußnote wird die Verfälschung mit Hinweis auf „verschiedene Übersetzungen“ relativiert). Übrigens lobte Kollontai Gorki neben Ibsen und Romain Rolland als einen der Autoren, die frühzeitig den neuen Typ der sich von einengenden Familienbindungen lösenden Frau literarisch gestaltet hatten.

Das Gesamtbild, das diese Publikation zeichnet, muß aus den genannten Gründen- denen Historiker vermutlich weitere hinzufügen würden- unlebendig und undialektisch bleiben. Trotzdem kann das Buch bei vorhandenen Vorkenntnissen und kritischer Lektüre ein guter Einstieg in eine vertiefende Auseinandersetzung mit dem Thema sein, zumal es meines Wissens noch keine vergleichbare Bilanz kommunistischer Frauenpolitik gibt.

Letztlich geht es der AG Marxismus nicht a priori um Geschichte, sondern um Theorie, um Konzepte, um Positionsbestimmungen für die Gegenwart. So formuliert Scharinger die Überzeugung, daß die Zurückweisung des Bündnisses mit bürgerlichen Feministinnen, die sich für Kommunist(inn)en aus der Verweigerung der Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Parteien ergab, nur konsequent gewesen sei. Das „Fehlen einer gründlichen Aufarbeitung des bürgerlich- feministischen Verständnisses der Frauenunterdrückung“ habe es jedoch ermöglicht, „daß sich in der Alltagspraxis (…) männlicher Chauvinismus fortsetzen konnte“.

Mühsame Lektüre

Schlußfolgerungen für eine moderne kommunistische Frauenpolitik sollten nicht nur aus der spezifischen Entwicklung in der Sowjetunion, sondern vor allem auch aus den Erfahrungen in der DDR gezogen werden. Für die AG Marxismus sind jedoch die DDR und die anderen nach 1945 entstandenen sozialistischen Staaten nichts als „degenerierte bürokratische Arbeiter/innen/staaten- bürgerliche Staatsapparate, in denen der Kapitalismus auf bürokratischem Weg abgeschafft wurde (…)“, d.h. „mit konterrevolutionären Methoden“.

Die Publikation liest sich streckenweise, wie an diesem Beispiel deutlich wird, mühsam. Nicht einmal, weil sie reichlich mit Zitaten beladen, sondern vor allem, weil sie als trotzkistische Studie lehrbuchhaft und in dogmatisch- belehrendem Ton verfaßt ist.
Im Anhang sind noch einige Texte von Trotzki abgedruckt.
Das etwas unübersichtlich in zwei Teile zerlegte Literaturverzeichnis bietet einen nützlichen Überblick über die (im Westen) vorhandene Literatur. Interessant die Verweise auf Textsammlungen im Internet, die eine aufwendige und teure antiquarische Beschaffung von Büchern zumindest teilweise ersparen.
Informativ sind die (kleinformatigen und schwarzweißen) Abbildungen sowjetischer Propagandaplakate mit Frauenthematik- leider fehlen Hinweise auf die Quelle dieser Abbildungen und nähere Erläuterungen zu ihnen.

Kommunismus und Frauenbefreiung. Russische Revolution und frühe Sowjetunion/ Diskussion um neue Sexualmoral/ Kommunistische Internationale und KPD. AG Marxismus, Wien 2006, 518 S., Br., 18 Euro (plus Porto)

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