Von Morus Markard

Wer gehört eigentlich zur Elite? Es wird wohl kaum jemand bezweifeln, dass unsere Bundesministerinnen und -minister zur Elite gehören – zu dem Teil der sog. Machtelite, die sich auf eine demokratische Legitimation qua Wahlen berufen kann. Zur Machtelite gehört auch jene Managerkaste, die ohne jedwede demokratische Legitimation mit der Vernichtung tausender Arbeitsplätze ganze Landstriche in Angst und Schrecken versetzt und sozial ruiniert. Auch Herr Horst Köhler, unser Bundespräsident, zählt zur Elite. Früher gehörte er, als er noch internationaler Banker war, auch zur Machtelite. Jetzt, seit er Bundespräsident ist, hat er kaum noch etwas zu sagen, er soll aber öffentlich viel reden (obwohl das laut Grundgesetz nicht zu seinen Aufgaben gehört). Insofern zählt er nunmehr in der Terminologie der Soziologie m. E. eher zur Werte-Elite. In diesem Zusammenhang hat er die in Art. 72 GG verfassungsrechtlich geforderte Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse für illusorisch erklärt und abgewertet. Dazu passt, dass Helmut Kohl am 14. September dieses Jahres in einer CDU-Wahlkampfveranstaltung in Brandenburg erklärte, er habe sich seinerzeit mit den blühenden Landschaften in der ehemaligen Zone vertan. So, wie man Köhler als Komparativ von Kohl auffassen könnte, wäre dann Köhlers Gleichwertigkeitsabsage die Systematisierung von Kohls Irrtum. Auf das Verhältnis von Elite und Gleichheit komme ich zurück.

Wie dem auch sei: Die – in den Bereichen »Politik« und »Ökonomie « schon erwähnte – Machtelite finden wir außerdem noch im Militär. Der Vollständigkeit halber sollten wir dann noch die Geburtselite nennen, also den Adel, dessen Heirats- und Reproduktionsaktivitäten immer wieder mal die Journaille auf Trab halten. Es ist allerdings nicht so, dass nur beim Adel die Herkunft zählt, nachgewiesen ist das auch z. B. für die erwähnte Managerkaste.

Klar ist auch, dass Müllmänner, Klofrauen und Fleischereifachverkäuferinnen nicht zur Elite gehören. Was aber ist zum Beispiel mit dem Vizepräsidenten eines Landgerichtes oder dem für lustige Fernsehauftritte zuständigen Bürgermeister einer bedeutenden Großstadt wie Berlin? Die gehören laut Eliteforscher Michael Hartmann 1 auch zur Elite im weiteren Sinne, Bürgermeister von Mittelstädten wie etwa Marburg wahrscheinlich nicht, dafür aber beherbergen Mittelstädte mit Universitäten Professoren, die laut Hartmann wiederum zur Elite gehören.

Wie man sieht, ist der Elitebegriff irgendwie trivial und unscharf, klassifikatorisch offenbar gar nicht besonders nützlich – wir könnten eben das, was neuerdings wieder gerne unter »Elite« verhandelt wird, präziser unter Begriffen wie »Fachleute« oder eben »Vizepräsident eines Landgerichts« oder »Bundespräsident« oder »Professor für Kleintiermedizin« abhandeln.

Ich meine also: Die Rede von »Eliten« hat gegenüber sachbezogenen Überlegungen in erster Linie bestimmte gesellschaftspolitische Funktionen, die ich im Folgenden kritisch analysieren möchte.

Nun meinte die als Präsidentschaftsbewerberin bekannt gewordene Gesine Schwan allerdings, die »historische Erfahrung« zeige, »dass sich bisher in jeder Gesellschaft und unter jedem politischen System funktionale Eliten herausgebildet haben«2. Das trifft zwar nicht auf die erst seit 200 Jahren gebräuchliche Vokabel »Elite« zu;3 es ist aber in dem Sinne weitgehend richtig, dass es beispielsweise schon in der 4-Klassen-Gesellschaft des antiken Sparta so etwas wie eine Elite gab, die auf Kosten vor allem der untersten Klasse, der »Heloten« existierte. Diese vegetierten als Nachkommen unterworfener Bevölkerungsgruppen und schufteten – quasi Staatseigentum – auf dem Feld; sie hatten mindestens die Hälfte des dabei erwirtschafteten Ertrages abzuliefern und wurden zu Kriegszeiten als Waffenknechte benutzt.

Mit diesem kleinen Rückblick zeigt sich erstens:
Die Rede von »Elite« macht nur Sinn, wenn der historisch konkrete Gegenbegriff der Nicht-Elite mitgedacht wird. Heute ist der Gegenbegriff zur »Elite« die »Masse« – oder noch abfälliger die »breite« Masse – womit nicht – oder jedenfalls nicht in erster Linie auf deren Alkoholisierungsgrad angespielt, sondern mit deutlich pejorativem Akzent auf das Zahlenverhältnis zwischen Elite und Masse verwiesen wird. Die breite Masse ist gewissermaßen die von der Elite gefühlte Masse, eine Art masses-chill.
Zweitens:
Mit der Rede von der Elite kann die Klassenfrage entnannt werden. Insbesondere in Geschichtsschreibung und Sozialtheorie geht der eindeutige Unterwerfungs- und Unterdrückungszusammenhang zwischen den Eliten und dem Rest der Gesellschaft leicht unter, wie Marx am Beispiel der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals erläuterte. Deren »Ursprung«, so schreibt er, »wird erklärt, indem er als Anekdote der Vergangenheit erzählt wird. In einer längst verfloßnen Zeit gab es auf der einen Seite eine fleißige, intelligente und vor allem sparsame Elite und auf der andren faulenzende, ihr alles und mehr verjubelnde Lumpen … In der wirklichen Geschichte spielen bekanntlich Eroberung, Unterjochung, Raubmord, kurz Gewalt die große Rolle. In der sanften politischen Ökonomie herrschte von jeher die Idylle.«4

In dieser von Marx persiflierten Mythologie löst sich der strukturelle Unterwerfungs- und Unterdrückungszusammenhang in Personalisierungen auf: Herrschaft als gesellschaftliches Strukturmoment verschwindet in unterschiedlichen Eigenschaften von Menschen; das Vorhandensein von Oben und Unten, von Elite und Lumpen, soll verständlich werden aus unterschiedlichen, entgegengesetzten Eigenschaften – nicht bloß als Tatsache, sondern als eine quasi natürliche oder sachlogische Notwendigkeit.

Sofern nun die Masse gegen die Elite aufbegehrt, stellt dies die natürliche, sachgerechte und insofern eben auch gesellschaftlich gerechte Ordnung der Dinge in Frage. Dazu kam es u. a. bekanntlich im Zuge organisierter sozialistischer Bestrebungen im 19. Jahrhundert. Die ideologische Rechtfertigung der angeblich natürlichen Gerechtigkeit der kapitalistischen Ordnung der Dinge oblag (und obliegt) den empirischen Sozialwissenschaften bzw. der Psychologie, welche – offenkundig nicht zufällig – zu eben dieser Zeit entstanden. Mit den Sozialwissenschaftler/innen begegnet uns übrigens eine den Machteliten besonders gefallende, weil und soweit ihnen gefällig sich erweisende Verbindung von Funktions- und Wertelite.

War nun schon generell, wie der Soziologe Martindale es formulierte, die Entstehung der Soziologie eine »konservative Antwort«5 auf den Sozialismus als Bewegung, gilt das allemal für die Entstehung einer dezidierten »Massenpsychologie«, deren wesentlicher Beitrag zum werteelitären Überbau darin bestand, die Auf- und Widerständigkeit der »Lumpen« zu irrationalisieren und zu pathologisieren – vor allem sich sammelnde Lumpen als emotionalisierte, deintellektualisierte, demoralisierte und nivellierte »Masse« abzuqualifizieren.

In diesen Zusammenhang passt, dass 1899 Charles A. Ellwood die Sozialpsychologie in direkte Konkurrenz zum Sozialismus stellte: »Wenn die Sozialpsychologie die Vollkommenheitsstufe erreicht hat, in der sie eine Doktrin sozialer Verbesserung oder einer »sozialen Teleologie« hervorbringen kann, tritt möglicherweise eine andere Person neben den Sozialisten, die genau weiß, was sie für die Verbesserung der Gesellschaft tun will; diese Person wird der Sozialpsychologe sein.«6 Dieser Sozialpsychologe repräsentierte dann auch das, was man unter Elite verstehen darf – eine Art Führer der Massen.

In seinem Buch Die feinen Unterschiede 7 hat Bourdieu eine Art semantischen oder Polaritätenprofils vorgelegt, worin sich in der Elite-Logik die Nicht-Massenmenschen von den Massenmenschen unterscheiden: hoch/niedrig, spirituell/materiell, fein/grob, beweglich/ schwerfällig, frei/gezwungen, weit/eng, einzigartig/gewöhnlich, intelligent/dümmlich.

Wie auch immer: Elite ist eben kein bloßer Beschreibungsbegriff, sondern ein historisch gewordenes und historisch belastetes Konzept, dessen systematische Verwendung heute wohl kalkuliert ist, auf jeden Fall den gezeigten Abwertungs-Effekt der »anderen« hat, ein Effekt, der sich auf den Begriff des Anti-Egalitarismus bringen lässt: Die Rede von der Elite dient der Legitimierung systematischer gesellschaftlicher und sozialer Ungleichheit. Schon in der »Zeit« vom 14. September 2000 hatte Ernst Tugendhat angesichts der Nietzsche- Renaissance vor der »Verharmlosung« der anti-egalitaristischen Tradition von Nietzsche bis Hitler gewarnt.

Für Nietzsche, darauf wiederum hat Safranski in seiner Nietzsche- Biographie 8 hingewiesen, war Kultur nur auf der Basis einer ausgebeuteten und selber von Kultur ausgeschlossenen Masse möglich: Nietzsche, so Safranski (a. a. O., S. 70), »erblickte im sozialen Fortschritt eine Bedrohung für die Kunst«, wenn er schrieb, die »Auflehnung der unterdrückten Massen gegen drohnenartige Einzelne« werde die »Mauern der Kultur« umreißen. Der kritisierte Nietzsche scheute sich nicht, die Mitglieder der von ihm allerdings als kulturnotwendig erachteten Elite als »Drohnen« zu bezeichnen. Es ist aber verständlich, dass das kein selbstreferenzieller Begriff für die sich als Elite Verstehenden ist. Selbstreferenziell ist für diese Menschen, dass die Massen immer die anderen sind, denen ihr Hass gilt, wie Carey herausgearbeitet hat.9

Jetzt komme ich, wie angekündigt, auf das Verhältnis von Elite und Gleichheit zurück, und zwar, um Folgendes zu sagen: Die gedankliche Alternative zum reaktionären Gegensatzpaar Elite-Masse ist nicht die nivellierende Forderung nach der Gleichheit aller, wie es Westerwelle und andere neoliberale Schlingel seines Schlages insinuieren wollen. Es war immerhin Karl Marx, der die Gleichheitsvorstellung als »Volksvorurteil«10 bezeichnete. Die Forderung nach Gleichheit hat ihren Ursprung in empörenden Privilegierungen, mit Engels formuliert: »Der Satz der Gleichheit ist … der, daß keine Vorrechte bestehen sollen, ist also wesentlich negativ«.11 Darüber hinaus habe, so Engels, die »Gleichheitsforderung im Munde des Proletariats« eine weitere Bedeutung gegenüber bloß formalen bürgerlichen Gleichheitsforderungen, nämlich die Forderung nach der »Abschaffung der Klassen« selber.12 Damit geht es um die Beseitigung struktureller Ungleichheit bzw. um die Bedingungen dafür, dass individuelle Entfaltungsmöglichkeiten nicht durch jene strukturelle Benachteiligungen behindert werden, die der Elitediskurs naturalisiert. Die Forderung nach Gleichheit aller wäre demgegenüber bloß eine abstrakte Negation des Elitedünkels. Es ist in Wirklichkeit die mit der Elitevorstellung verbundene Vorstellung von der Masse, die gleichmacherisch ist. Die marxsche Perspektive ist bekanntlich die, dass die freie Entwicklung eines jeden die Voraussetzung der freien Entwicklung aller ist, aber nicht, dass die Entwicklung einiger auf Kosten des Restes gehen soll. Zusammenfassend lässt ich also sagen: Mit der Scheinalternative nivellierender Gleichheitsforderung soll die Kritik am Elitediskurs und -dünkel abgewürgt werden. In diesem Sinne bezieht sich auch der schon erwähnte Köhler in seiner Verfestigung von gesellschaftlicher Ungleichheit darauf, Gleichheit sei ja eine Illusion.

Marx sah die Ursache dafür, dass »der Begriff der menschlichen Gleichheit … die Festigkeit eines Volksvorurteils« (a. a. O.) annehmen konnte, in der Warenform. In unserem Zusammenhang ist m. E. interessant, wie das Verhältnis von formaler Gleichheit der Individuen und deren individueller Eigenart und Unterschiedlichkeit sich im Begriff der Individualität spiegelt. Dieser Begriff bezieht seine Spannung ja daraus, dass die Einzelnen gleichzeitig Normalität/ Vergleichbarkeit/Austauschbarkeit/Konformität und Einzigartigkeit/ Unverwechselbarkeit/Originalität (re)präsentieren müssen. Diese widersprüchliche Anordnung zwischen Normalität/Vergleichbarkeit und Individualität/Unverwechselbarkeit ist Ausdruck der Dominanz von ökonomischer Verwertbarkeit und individueller Konkurrenz.

Oberflächlich löst sich dieser Widerspruch in einer »paradoxen« Kompromissbildung zwischen Anpassung und Nonkonformismus auf. Trilling formulierte das schon 1955 so: »Weil wir Nonkonformität bewundern und Gemeinschaft lieben, haben wir uns entschlossen, alle miteinander Nonkonformisten zu sein.«13

Der Elitediskurs bewältigt dieses Problem so, dass er auf formale Gleichheit verweist und strukturelle Ungleichheit naturalisiert oder ausblendet. Dem entsprechen auch die aktuellen Debatten um Gerechtigkeit: Diese wird zu einem Gut, für das letztlich jeder selber verantwortlich ist.14 Gleichzeitig werden die in der Konkurrenz Erfolgreichen als Elite gefeiert.

Die Frage, warum gerade jetzt die Elite-Diskussion (einmal) wieder auftaucht, hat Oskar Negt folgendermaßen beantwortet: Es sei der »Zustand kultureller und sozialer Selbstzerrissenheit, in dem die sprunghaft angewachsenen Orientierungsbedürfnisse auf schnell beschreitbare Auswege drängen«. Je aussichtsloser die Lage erscheine, in der man aber nicht »bestehende Macht- und Herrschaftsverhältnisse antasten« wolle, desto lauter erschalle der Ruf nach Eliten.15 In der Tat: Dieser Ruf ist die etwas vornehmere Variante der Stammtischforderung nach dem »starken Mann«.16 Man sollte nicht übersehen, dass damit gleichzeitig, wie Negt es formuliert, die Vorstellung einer »Blockadehaltung der Durchschnittsmenschen« einhergeht, die sich nach Auffassung der antidemokratischen Elitetheoretiker immer noch – zu – massenhaft in Gewerkschaften als derzeit zentralen gesellschaftlichen Blockadeinstanzen verschanzen – gegen eine angebliche gesellschaftliche Vernunft, die beispielsweise Glotz mit seinem Elite-Fimmel als »Ein-Mann-Vernunft gegen das Dunkel des sozialistischen Ressentiments« repräsentiert, wie Norbert Bolz meint.17 Ich frage mich, wie weit hier »Leuchtturm« und »Armleuchter « voneinander entfernt sind.

Gegenüber solchen Elogen hat Adorno den Elitebegriff als »Phrase« bezeichnet, deren »Unwahrhaftigkeit« darin bestehe, »dass die Privilegien bestimmter Gruppen teleologisch für das Resultat eines wie immer gearteten objektiven Ausleseprozesses ausgegeben werden, während niemand die Eliten ausgelesen hat als etwa diese sich selber «.18 Man muss allerdings leider sagen, dass Adorno, der Kritiker der Massenkultur, gelegentlich ein – von Negt kritisiertes – ambivalentes Verhältnis zur Elite hatte: »Elite mag man in Gottes Namen sein; niemals darf man als solche sich fühlen.«19

Worum es bei der neuen Elitedebatte im Bildungsbereich geht, hat schon 1992 ein, wie man heute sagt, »brain-trust« der CDU, die Konrad- Adenauer-Stiftung, auf den Punkt gebracht: »Wer Qualität sagt, der muss … Selektion hinzudenken.«20 Das ist zwar schon prima vista wenig überzeugend, da, wer Qualität sagt, Qualifikation hinzudenken muss. Der Elitediskurs aber suggeriert, dass Qualität und Konkurrenz/Selektion untrennbar verbunden sind. Auch die Hebung der Qualität der Hochschulen wird allein in Form von deren Konkurrenz untereinander gedacht. Es geht weniger darum, bestimmte inhaltliche Kriterien zu diskutieren und zu erfüllen, sondern ausschließlich darum, dass einige wenige Hochschulen besser sein sollen als die anderen – anders formuliert, dass viele – sozusagen die Masse der – Hochschulen schlechter sein sollen als einige wenige.

Wie schon angedeutet: Von gesellschaftlichen Leistungen zu reden, deren Sinn und Gebrauchswert jeweils zu explizieren wäre, impliziert keineswegs, von Elite reden zu müssen. Eher deutet die Rede von »Elite« auf gesellschaftliche Zustände hin, in denen Leistungen von der Frage nach der Nützlichkeit für bestimmte gesellschaftliche Gruppen abgekoppelt gedacht werden. Leistende Eliten haben auf Lumpen und Massen und deren Nützlichkeitserwägungen keine Rücksicht zu nehmen. Deswegen ist bemerkenswert, dass Herfried Münkler meint, die Eliten( vorstellung) »resozialisieren« (sic!) zu können – und zu müssen. Erst einmal aber werden von ihm die Eliten, was Deutschland angeht, ein wenig entschuldet: »Die deutschen Eliten hatten nicht nur zwei Kriege verloren, sondern sich zuletzt auch mit Verbrechern eingelassen und gemein gemacht«. Eigentlich also »anständig« und selber keine Verbrecher – unsere deutschen Eliten, sie hatten nur schlechten Umgang, der ja bekanntlich abfärbt, so dass die Ablehnung von Eliten letztlich ungerecht ist.

»Askese«, »Leistungsbereitschaft«, »Verpflichtungsbewusstein« zeichneten die Elite aus, meint Münkler (die Masse natürlich nicht; s. o.). Eine, wie Münkler meint, »demokratische Elitetheorie« müsse allerdings darüber hinaus »nach der Leistung der Eliten für die Gesellschaft fragen und dabei darauf bestehen, dass die Definition der erwarteten Leistung und die Überprüfung ihrer Erbringung in den Händen der Gesellschaft liegt«.21 Das Problem ist allerdings, dass in dieser Art der Rede von der Gesellschaft »die prekäre und irrationale Selbsterhaltung der Gesellschaft umgefälscht (wird) zu einer Leistung ihrer immanenten Gerechtigkeit oder »Vernünftigkeit««, wie es Adorno nun wieder kritisch gegen den Elitegedanken (a. a. O., S. 32) formulierte. Da nun gerade, wie skizziert, Eliten die Reproduktion systematischer Ungleichheit markieren, bedeutete Demokratie nicht die Überprüfung von Eliten, sondern deren gesellschaftliche Überflüssigkeit.

Die Konzepte »Elite« und »geistig-moralische Führung«, wie Helmut Kohl, der selber interessanterweise ja den Zusammenhang von Elite und Masse als psychophysisches Gesamtkunstwerk repräsentiert, das nannte, sind nicht demokratisierbar, sondern antidemokratisch. Die grundsätzliche Problematisierung des Elitediskurses ist kein irrationales Ressentiment (Bolz, a. a. O.), keine »pauschale … Verdammung« (Schwan, a. a. O.) seitens verwirrter 68er, sondern die Verbindung von historischer Erfahrung und politischer Analyse.

Ich deutete schon an, dass der neue Elitediskurs den Begriff der »Chancengleichheit« deformiert: Er lenkt davon ab, dass gesellschaftspolitische Maßnahmen ergriffen werden müssen, gesellschaftliche Benachteiligungen von Menschen(gruppen) so weit als (in der kapitalistischen Gesellschaft) möglich zu verringern. Damit wird unter Vernachlässigung materieller Bedingungen gesellschaftliche Ungleichheit als Resultat unterschiedlich genutzter gleicher Chancen vernebelt. Konkret: Wenn Migrantenkinder in der Schule versagen, zeigt das eben, dass sie »unbegabt« sind. Bildung bedeutet unter diesen Voraussetzungen nicht die Förderung maximaler Handlungsfähigkeit für möglichst viele, sondern nur für wenige Auserwählte auf Kosten aller anderen.

Nun ist »Bildungsgerechtigkeit« in einer Gesellschaft, die systematisch Ungleichheit produziert und reproduziert, sicher eine Illusion. Gleichwohl ist sie unter demokratietheoretischen Gesichtspunkten ein – gewiss kontrafaktisches – Kriterium zur Beurteilung, wie weit der Bildungsdiskurs sich diesem Ziel überhaupt verpflichtet fühlt (bzw. verpflichtet fühlen zu müssen meint).

Dieser Bildungsgedanke kann nur realisiert werden, wenn Bildung gesellschaftlich verallgemeinert wird, wenn sie ein gesellschaftliches Gut ist, wenn sie nicht nur einer bestimmten sozialen Schicht vorbehalten ist, wenn also, wie es bei der Ausweitung des Hochschulsystems vor ca. 35 Jahren hieß, das »bürgerliche Bildungsprivileg « tendenziell überwunden wird, damit auch natürlich jenes Privilegiendenken, in dem der ursprüngliche Bildungsgedanke des 19. Jahrhunderts noch befangen war. Die Väter der Bildungsidee kannten erstens nur Männer (Studenten als »Jünglinge«) und zweitens nur Wohlhabende. Aber das liegt nicht an der Idee der Bildung, sondern ihrer elitären Begrenzung, die auch in dem Maße wieder dominant werden wird, wie Bildung – etwa über Studiengebühren – zur Ware wird.

Man sollte sich in diesem Zusammenhang mit Brunkhorst klar machen, dass es die zu Unrecht gescholtene sog. »Massenuniversität « war, die historisch das Recht auf Bildung und den Anspruch auf Demokratie verschränkte 22, eine Verschränkung, die der Elitediskurs auflösen will, indem er so tut, als sei der Zustand der Hochschulen nicht Folge von deren Vernachlässigung, sondern Folge des Versuchs, das Recht auf Bildung gesellschaftlich zu realisieren.

»Elite« ist kein demokratisch funktionales Konzept, sondern bloß notwendiger Gegenstand von Ideologiekritik.

Morus Markard – Jg. 1948, Dr. phil. habil, Dipl.-Psych., apl. Professor für Psychologie an der FU Berlin. Vertrauensdozent der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Mitglied der Redaktionen des »historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus« und des »Forum Kritische Psychologie«. Mitglied im Bundesvorstand des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi).

1 Michael Hartmann: Eliten in Deutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (Beilage zu »Das Parlament«), 1. März 2004, S. 19.
2 Frankfurter Rundschau, 16. Februar 2004.
3 Vgl. etwa Bernhard Schäfers in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 1. März 2004, S. 3.
4 Karl Marx, Friedrich Engels: Werke (MEW), Bd. 23, S. 741 f.
5 Don Martindale: The nature and types of social theory, Boston 1960, p. 529.
6 American Journal of Sociology, 1898-99, 4, p. 664.
7 Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt/M. 1996 (1979), S. 731.
8 Rüdiger Safranski: Nietzsche – Biographie seines Denkens, München 2000.
9 Vgl. John Carey: Hass auf die Massen. Intellektuelle 1880 – 1839, Göttingen 1996.
10 MEW, Bd. 23, S. 74 (Kapital, Bd. 1).
11 MEW, Bd. 20, S. 580, (Materialen zum »Anti- Dühring«, S. 571-620).
12 MEW, Bd. 20, S. 99, (Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft [»Anti-Dühring«], S. 1-303).
13 Lionel Trilling: Freud and the Crisis of Our Culture, Boston 1955, p. 52.
14 Vgl. Susanne Draheim & Tilman Reitz: Work hard and play by the rules. Zur Neubesetzung des Gerechtigkeitsbegriffs in der SPD-Programm-Diskussion, in: Das Argument 256, 46. Jg. (2004), H. 3/4, S. 468-482.
15 Frankfurter Rundschau, 26. Januar 2004.
16 Vgl. Torsten Bultmann in »uni-konkret«, Wintersemester 1996/97.
17 Frankfurter Rundschau, 20. Januar 2004.
18 Theodor W. Adorno: Das Bewußtsein der Wissenssoziologie, in: Gesammelte Schriften 10.1, S. 33.
19 Meinung, Wahn, Gesellschaft, GS 10.2, S. 588.
20 Zit. nach Torsten Bultmann: Die Eliten und die Massen. Kritik eines bildungspolitischen Stereotyps, in: Christoph Butterwegge, Gudrun Hentges (Hg.): Alte und Neue Rechte an den Hochschulen, Münster 1999.
21 Frankfurter Rundschau, 2. Februar 2004.
22 Brunkhorst, Hauke: Die Universität der Demokratie, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 47. Jg. (2002), H. 2, S. 237-247.
Aus UTOPIE kreativ, H. 171 (Januar 2005)

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