Ein ungepflegter Doppel- Symbolismus

Die Gruppe 40 – zu schön, wäre in diesem Fall der Name auch Programm – des Wiener Zentralfriedhofs verbirgt unter ihrem grasgrünen Mantel nichtnur 571 Körper von im Wiener Landesgericht 1 hingerichteten WiderstandskämpferInnen (wobei sich bei dieser Zahl die von den Nazis gern beschworene „preußische Gründlichkeit“ erschöpft zu haben scheint – die wirkliche Leichenzahl beläuft sich wohl aufs Doppelte!), sondern sie offenbart vor allem zweierlei Symbolik:

Einerseits wird man der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie auf eine bedrückend- konkrete Weise gewahr, wenn Willi Weinert in „Mich könnt ihr löschen, aber nicht das Feuer“ zuerst so abstrakt scheinende 571 Namen katalogisiert um ihnen dann liebevoll Fotos, hinterlassene Gedichte und aus der Todeszelle geschmuggelte Briefe beizufügen. 388 Gedenksteine stellen das Endprodukt einer Tötungsindustrie dar, an deren Anfang ein meistens auf Indizien basierendes Todesurteil steht, eine sofort darauf folgende Urteilsvollstreckung, welche von der Vorführung des/der Delinquenten bis zur Vollzugsmeldung gerade einmal 18 Sekunden dauerte und in Hochsaisonen bis zu 31 Mal täglich durchgeführt wurde, und der ebenfalls gleich anschließende Abtransport zum Anatomischen Institut Wien folgt. Der beinahe industriell anmutenden Köpfung folgt die nun vollständige Dekonstruktion des einst so wehrfähigen Körpers. Das „Restmaterial“ wurde dann am Zentralfriedhof endgelagert. Von den Faschisten nichtnur des Lebens, sondern auch jeglicher Würde beraubt und zu Abfallprodukten degradiert ist es nun an Willi Weinert diesen Menschen ihren wahren Charakter zuteil werden zu lassen, nämlich HeldInnen des Widerstands!

Der zweite Symbolismus bezieht sich auf das Aussehen der Gruppe selbst als Widerspiegelung der österreichischen Geschichtsaufarbeitung: Nach dem Krieg findet kaum ein Mensch außerhalb des Verwandtenkreises der WiderstandskämpferInnen Interesse der Gruppe 40 ein Antlitz zu verleihen, das sich über jenes eines Müllplatzes erhebt. Es ist der Privatinitiative der ehemaligen KZ Ravensbrück Insassin Katherina Sasso und den, von ihr von der Wichtigkeit der Instandhaltung bzw. zuerst einmal – setzung überzeugten, sowjetischen BefreierInnen (war doch ein überwiegender Großteil der Opfer KommunistInnen) zu verdanken, dass die zuvor über mehrere Gruppen verteilten politischen Opfer der Nazi- Justiz mit ihren MitstreiterInnen vereint ihre letzte Ruhe finden konnten. Danach übernahm der privat finanzierte KZ- Verband die Pflege der Gruppe, denn noch 1952 meinte der Wiener Bürgermeister Jonas, dass kein Geld für Helden da sei, noch 1954 meinten ÖVP- Vertreter, dass dieses Gedenken ein Teil der „kommunistischen Friedenspropaganda“ sei und noch 2005 zählt Nationalratspräsident Andreas Khol die VdU, eine Partei von und für SchlächterInnen der WiderstandskämpferInnen, zu den Helden der Aufbaugeneration. Das ist eindeutig Grabschändung. Der Kampf des österreichischen Widerstandes gegen Faschismus scheint noch lange nicht ausgekämpft.

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