Wolfgang Beutin

Zeitgleich erschienen in den Medien die Meldungen, der deutsche Literaturnobelpreisträger Günter Grass sei Mitglied der Waffen-SS gewesen, und Erika Steinbach, Sprecherin des Bundes der Vertriebenen, habe die Ausstellung »Erzwungene Wege – Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts« eröffnet. Zur Erinnerung: Bereits im Jahre 2002 gab es eine Berührung zwischen Steinbach und Grass. Zusammen stellten sie damals seine Novelle »Im Krebsgang« vor: »Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, hat es (…) begrüßt, daß Grass jetzt zu dem findet, was ihn im Inneren schon lange bewegt habe« (Hamburger Abendblatt, 7.2.2002). Damit klingt an, daß dasselbe, was den Autor »im Inneren« bewegt, unfern war von dem, was Steinbach im Äußeren zu bewegen versuchte und versucht.

Wenn im Augenblick, im Sommer 2006, in der Öffentlichkeit die Frage gestellt wird, ob der Grass von heute noch wegen der Mitgliedschaft des jungen Mannes Grass in der SS moralische Schuld trage und ob nicht seine Rolle als moralischer Erzieher der Deutschen jetzt ausgespielt sei, so müßte, wer vernünftig urteilt, antworten: Natürlich hat ein Mensch das Recht, sich zu wandeln und sich von seinen jugendlichen Überzeugungen und seinem frühen Tun später redlich zu distanzieren. Allerdings ist aus der Unterdrückung dieses lebensgeschichtlichen Faktums, besonders aus seinem Verschweigen gegenüber dem Nobelpreiskomitee, eine neue Schuld entsprossen. In diesen Tagen wird viel über die Person Grass geschrieben, hier aber soll seine Literatur im Mittelpunkt stehen. Sie ist es, an der sich ablesen läßt, ob der Verfasser von seinem Recht, sich zu distanzieren und zu wandeln, Gebrauch gemacht hat oder ob er sich nur den Anschein gab, als ob … Der Klärung, wie weit die einstmalige Mitgliedschaft in der Waffen-SS im literarischen Werk Grass`nachwirkte und wirkt, können zwei altbewährte kritische Verfahrensweisen dienen: die Ideologiekritik und die Sprachkritik.

Ideologische Grundkomponenten

Obwohl Grass immer wieder beteuert, keine Ideologie, Weltanschauung oder Utopie zu bieten, gibt es unter den deutschen Autoren der Gegenwart keinen, dessen Werk sich stärker ideologisch geprägt zeigt. Es enthüllen sich drei Grundkomponenten seiner Ideologie. Erstens: Betonung der Notwendigkeit, die Nazivergangenheit endlich zu unterdrücken, samt der Klage, daß dies ewig mißlinge. Schon vor langem verkündete er seinen Wunsch: »Es ließe sich Alltag erzählen, ohne Rückblende und ohne den immer noch abfärbenden Hintergrund: Tausendjähriges Reich« (Politische Schriften, S. 20)1 Der aber färbte dennoch weiterhin ab, und so klagte Grass denn in der Novelle »Im Krebsgang«: »Die Geschichte, genauer, die von uns angerührte Geschichte ist ein verstopftes Klo. Wir spülen und spülen, die Scheiße kommt dennoch hoch« (Krebsgang, S. 116).

Zweitens – und hier zeigt sich nun in aller Deutlichkeit »das Innere«, das Grass bewegt – der Kult der Erinnerung an die ehemals deutschen Gebiete und Städte im Osten, in erster Linie Danzig, sowie »Flucht und Vertreibung« (notabene: der Deutschen). Daß die Provinzen jenseits von Oder und Neiße unwiderruflich verloren sind, weiß er zwar und bekräftigt es (Politische Schriften, S. 34). Doch dezent oder nicht, vom Geburtsort, eben Danzig, macht er gern Gebrauch in fast allen seinen Reden (z.B. ebd., S. 91); sogar extremen Gebrauch in den Erzählungen und Romanen, wo er eine Inflation von Danziger Motiven verursacht – gewiß nicht der geringste Umstand, der zu seinem Erfolg bei der Kritik und im Publikum beitrug. Schon ein früher Lobredner, derjenige, der vielleicht am stärksten Grass` Ruhm bewirkte, Hans Magnus Enzensberger, wußte davon und prägte die Formel: »Die große Danzig-Saga«.2 Die derzeitige öffentliche Diskussion in der Bundesrepublik steht bei der Frage, wie sehr Deutsche zu den beklagenswerten Opfern des Zweiten Weltkriegs zählen. Also: neben dem jüdischen Anteil der europäischen Bevölkerung, neben den Menschen vieler Länder, zum Beispiel Jugoslawiens (des Landes mit der höchsten Quote an Toten im Zweiten Weltkrieg). Zu den bekannten Fähigkeiten des Schriftstellers Grass gehört es, sich flink jedem neubelebten Ressentiment anzupassen, er japst im Mainstream mit: Ich auch, ich auch. Als zentrales Thema, das »seiner Generation« zukomme, benennt er 2002 das »Elend der ostpreußischen Flüchtlinge«. Das »Versäumnis« der deutschen Autoren, es nicht längst schon aufgegriffen zu haben, sei »bodenlos« (Krebsgang, S.99). Hiermit ermöglicht sich der Autor die Verstärkung des aktuellen Trends, historische Fakten zu relativieren: gegen den Naziangriffskrieg das Flüchtlingselend auszuspielen; gegen den von Deutschen begangenen Genozid die Bombenkriegsopfer. Er schreibt: »Niemals (…) hätte man über so viel Leid (…) schweigen (…) dürfen« (ebd.). Richtig? Nein! In Wirklichkeit ist niemals nach 1945 darüber geschwiegen worden, weder in der westdeutschen noch in der DDR-Literatur, weder im Film (Frank Wisbars »Nacht fiel über Gotenhafen«) noch in sonstigen Medien. Von der Politik zu schweigen. Dokumentationen haben es aufgelistet. Daher tat Hermann L. Gremliza Grass`Klage zu Recht mit dem einfachen Verdikt ab: »gelogen« (konkret 3/2002, S. 9).

Drittens: Grass`Ideologie ist grundiert durch ein System von Schemata, welches die Gemeinplätze produziert, »die gemeinsame ideologische Matrix«, die des Autors Verbundenheit mit einem relevanten Ausschnitt des »Zeitgeistes« verbürgt.3 Die dazugehörigen »fundamentalen Gegensätze«, wodurch die Gedankenwelt des Autors strukturiert wird, sind u.a. Opfer/Täter; Danzig/übriges Deutschland; Realismus versus Weltanschauung; Vaterland versus übrige Welt; Nation versus beide Staaten des (bis 1990 geteilten) Deutschlands. Neben das Denken in Dualismen tritt eine öde Gleichsetzungsmechanik: rot gleich braun, links gleich rechts.

Nationalismus

Zur Vaterlandsideologie und »nationalen Frage« schreibt er: »(…) es kam mir unser armes, reiches, liebliches und mürrisches, gemütliches und gehetztes, unser krumm und lahm geschlagenes und eigentlich noch so junges Vaterland nicht aus dem Sinn« (Politische Schriften, S. 13). Im Sommer 1965 verfaßte Grass eine Rede »Was ist des Deutschen Vaterland?« (ebd., S. 32) – also unter Verwendung des Titels eines Gedichts von Ernst Moritz Arndt (1769-1860), das ihm auch die Ausgangsbasis für allerlei Spekulationen bot. Er betrachtet des Lobes voll die (mit seinem Wort) »bahnbrechende« Schrift »Vom deutschen Nationalgeist« des Friedrich Karl Moser (1723-1798), die, wie er es sich zurechtlegt, »den deutschen Nationalgeist konstituierte«. Aber die Möglichkeit, daß eine einzige Schrift ihn konstituierte, müßte bestreiten, wer die historischen Vorgänge wissenschaftlich erforscht. Er schilt den Mangel an Bildung von (damals) in Bonn regierenden Christdemokraten, ein Manko, das »nationale Schamröte hervorrufen sollte« (ebd., S. 46). Meint er damit: „als Reaktion der Nation Scham hervorrufen“ oder „den Angehörigen der deutschen Nation die Schamröte ins Gesicht treiben sollte“? Mit einem Ausdruck Mosers mahnt er, zweihundert Jahre später, in Deutschland die »Nationaldenkungsart« an (ebd., S. 78). Er rügt die Wirtschaftspolitik eines Ludwig Erhard, sie könne nicht »Ersatz für die Lösung unserer nationalen Aufgabe« bieten (ebd., S. 80). Er betont, er versuche, »die nationale Frage zu stellen« (ebd., S. 149). Da sein Gedankengut der Widersprüche nicht ermangelt, kommt er plötzlich aber einmal zu dem Schluß, daß »wir« eine Nation weder »bilden können« noch »bilden sollten« (ebd., S. 160). Fazit: Ein ranziger Nationalismus bildet das basale Element der synkretistischen Ideologie des Günter Grass.

Seine besondere Aversion gilt der von den Alliierten in Deutschland eingeleiteten Entnazifizierungpolitik: »der bis heute wirksame Blödsinn der Entnazifizierung«, denn diese habe lediglich kleine Nazis tangiert, nicht »die verinnerlichten Antifaschisten [à la Hans Globke und Kurt Georg Kiesinger – W. B.]« (ebd., S. 120). Was sind »die verinnerlichten Antifaschisten«? Erraten läßt sich: die sich nur als Antifaschisten ausgaben, was sie nicht waren, aber selbst bald glaubten, es zu sein. Ebenso gilt seine Aversion der »Fragebögen-Epidemie« (ebd., S. 59). Wie verständlich, verwirft er hiernach doch den Antifaschismus. Wohl schickt er sich an, ihn zu definieren, schon die Frage stellend: »Was ist das, ein Antifaschist?« Unterläßt die Definition jedoch, um nur noch müde abzuwinken: »Klischee«, welches »nichts und alles Unmögliche sagt« (ebd., S. 119f.); womit er sogar dem Klischee (als linguistisch-ideologischem Usus) noch Unrecht tut.

Grass ist antisowjetisch. Seine Aversion gilt der Anti-Hitler-Koalititon überhaupt, gilt aber insbesondere den Sowjets. Er verstärkte mit seiner Novelle »Im Krebsgang« nicht nur die nationale Lamentokampagne der Gegenwart in Deutschland, zum angesagten Opferkult als Kult der »deutschen Opfer« sein Scherflein beisteuernd, sondern lieferte ebenfalls beflissen seinen Anteil zur Verunglimpfung der Gegenseite, der Kriegsgegner der Nazis im Zweiten Weltkrieg. Folglich charakterisiert er den sowjetischen U-Boot-Kommandanten vermöge der Merkmale: »sturzbetrunken«, »Sauftour« und »Verweilen in finnischen Hurenhäusern« (Krebsgang, S. 47 u. 128). Damit erreicht er übrigens ein Maximum seiner Porträtierungskunst.

Rot gleich braun

Dazu paßt seine Gleichsetzung von rot und braun, was einen Bestandteil der Totalitarismusideologie darstellt. Hier eine kurze Sammlung: die Bundesrepublik werde »von ganz links« oder »von ganz rechts untergraben« (Politische Schriften, S. 91); Frage, ob »Linksradikale wie Rechtsradikale« ihre »Ressentiments« austauschen wollen (ebd., S. 92); die FDJ (der damaligen DDR) passe sich »mehr und mehr der Hitlerjugend« an (ebd., S. 116); die Sprache der Bild-Zeitung färbe auf die Sprache »linksextremer Studentengruppen« ab (ebd., S. 174); Goebbels hätte »brillante Schüler (…) heute im Lager der westeuropäischen radikalen Linken« gefunden (ebd., S. 184). Im November 1968 versuchte Grass sich an einem umfassenden Vergleich des »Rechts- und Linksradikalismus« (ebd., S. 188) und fragte, »inwieweit der Faschismus heute im extrem linken Lager produktiv ist« (ebd., S. 193); im Kampf gegen die Sozialdemokratie seien sich die Deutsche National-Zeitung und Soldaten-Zeitung »und das SED-Organ Neues Deutschland« einig (ebd., S. 59). Er versimpelt sämtliche Tatbestände völlig, verzichtet ein- für allemal auf geschichtliche Differenzierungen, verachtet Beweise; eine von Grass`literarischen Egalisierungstechniken, an der man ein weiteres Grundelement seiner Ideologie vor sich sieht.

Auch vor dem Bekanntwerden seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS war nach allem, was Grass an Ideologie produzierte, kritisch zu fragen – immer schon. Konnte dieser Schriftsteller jemals legitimiert sein, sich als moralischer Erzieher dieses Landes zu etablieren? Konnte einer es bleiben, der so vehement wie er 1999 den NATO-Angriffskrieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien befürwortete?4 Darf einer dies künftig bleiben, der sich zum enthusiastischen Propheten des Neoliberalismus aufschwang? In der Süddeutschen Zeitung vom 2./3. Oktober 2004 erschien eine Anzeige unter dem Titel: »Auch wir sind das Volk«. Zu den Unterzeichnern zählten einige der bekanntesten Sprecher der Wirtschaft wie Dieter Hundt und Michael Rogowski sowie der Kunstszene, darunter Grass. Sie versicherten: »Die unter dem Angst machenden und abschreckenden Schlagwort Hartz IV beschlossenen Änderungen« seien »überlebensnotwendig für den Standort Deutschland«.

Krieg und Erotik

Wie weit her ist es mit der Versicherung namhafter Experten der Literaturkritik, außer durch Ideologiefreiheit seien Grass`Schriften durch die vorzügliche Sprachgebung charakterisiert? In erster Linie meinen sie die Szenen, in denen die angreifenden deutschen Truppen die polnischen Verteidiger niedermachen. Grass schreibt: »Was war das, Polen? Die hatten doch ihre Kavallerie! Sollten sie reiten! Die küßten den Damen die Hände und merkten immer zu spät, daß sie nicht einer Dame die müden Finger, sondern einer Feldhaubitze ungeschminkte Mündung geküßt hatten. Und da entlud sie sich schon, die Jungfrau aus dem Geschlecht der Krupp. Da schnalzte sie mit den Lippen, imitierte schlecht und doch echt Schlachtgeräusche, wie sie in Wochenschauen zu hören sind, pfefferte ungenießbare Knallbonbons gegen das Hauptportal der Post, wollte die Bresche schlagen und schlug die Bresche und wollte durch die aufgerissene Schalterhalle hindurch das Treppenhaus anknabbern … Und ihr Gefolge hinter den Maschinengewehren, auch die in den eleganten Panzerspähwagen … fuhren ratternd, gepanzert und spähend vor der Post auf und ab: zwei junge bildungsbeflissene Damen, die ein Schloß besichtigen wollten, aber das Schloß hatte noch geschlossen. Das steigerte die Ungeduld der verwöhnten, immer Einlaß begehrenden Schönen …« (Blechtrommel, S. 188f.) Die literarische Methodik des Verfassers besteht darin: Er stellt die Kriegshandlung allegorisch dar, wobei der bildspendende Wirklichkeitsbereich der sexuelle ist, der empfangende der militärische. Daraus resultiert, daß der mörderische Kampf als Liebesgetändel erscheint, das zum Töten benutzte Kriegsgerät als »Jungfrau« oder Korona schöner Damen, der Tötungsakt als süßes Geturtel. Zudem mixt Grass verniedlichende Lexik hinein: »pfefferte … Knallbonbons«, »anknabbern« sowie die deplaciert wirkende, weil rhetorische Figur vom geschlossenen Schloß.

Dieselbe literarische Methodik: »Ulanen, es juckt sie schon wieder, sie wenden, wo Strohmieten stehen (…) ihre Pferde und sammeln sich hinter einem, in Spanien er Don Quijote heißt, doch der, Pan Kiehot ist sein Name, ein reingebürtiger Pole von traurig edler Gestalt, der allen seinen Ulanen den Handkuß beibrachte zu Pferde, so daß sie nun immer wieder dem Tod – als wär`der ´ne Dame – die Hände anständig küssen, doch vorher sammeln sie sich, die Abendröte im Rücken (…) die deutschen Panzer von vorne, die Hengste aus den Gestüten der Krupp von Bohlen und Halbach, was Edleres ward nie geritten. Doch jener (…) der senkt die Lanze bewimpelt, weißrot lädt zum Handkuß Euch ein, und ruft (…) ruft er der Kavallerie zu: „Ihr edlen Polen zu Pferde, das sind keine stählernen Panzer, sind Windmühlen nur oder Schafe, ich lade zum Handkuß Euch ein!“« (Blechtrommel, S. 204f.) Der »Handkuß« findet also neuerliche Verwendung, geküßt werden »die Hände« des Todes. So sehr ist der Verfasser in seine Handkuß-Allegorie verliebt, daß er sie in dem kurzen (zweiten) Passus zum zweiten, dritten und vierten Mal oktroyiert, als sei das Lesepublikum nicht bereits seit dem ersten Vorkommen im Bilde. Panzer und Kanonen identifiziert er an dieser Stelle zwar nicht wieder mit Frauen, jedoch jetzt vergleicht er den Tod plump mit einer »Dame«. Die Mordinstrumente, die ihm vorher weibliche Wesen waren, läßt er hier zur Abwechslung als Gäule erscheinen aus der Produktion der Firma Krupp, als figürlich gemeinte Gäule bloß, auf welche die unfigürlichen, von ihm als real fingierten der polnischen Ulanen treffen. Das Ganze ist außerdem aufdringlich mit weltliterarischem Bildungsgut unterfüttert, indem der polnische Befehlshaber »Pan Kiehot« als eine Variante des spanischen Don Quijote vorgeführt wird. Die Verniedlichungslexik der früheren Passage fällt weg; dafür operiert der Autor mit forcierter, aus Sicht der deutschen Grammatik unerlaubter Wortstellung: »in Spanien er Don Quijote heißt«.

Beide Szenarios gelten als Glanzstücke des Romans. Durch sein Sprachrohr Oskar, sein »episches Ich«, verweist Grass selbst auf »das Poemhafte dieser Feldschlachtbeschreibung« (Blechtrommel, S. 205). Ob damit die Machart richtig qualifiziert ist? In Wahrheit sind die Passagen weder poetisch, noch sind sie überhaupt rettbar. Sie entstanden durch eine Verschmelzung des militärischen Vokabulars mit dem der Erotik. Das Resultat? Unter dem Aspekt des Inhalts beurteilt, der im Leser geweckten Vorstellungen: faulige Mystik des Krieges; funktionell gewertet: dessen allegorisierende Verklärung. Angewandt wurde ein literarisches Verfahren, welches der Blechtrommler nicht als originale Schöpfung reklamieren dürfte, da ein altes Erbstück vorliegt. Angeeignet mutmaßlich aus älterer Literatur, wie sie im Schulbuch abgedruckt war. Es entstand ein Imitat, dem stilistische Frische kaum zugesprochen werden kann, im Gegenteil. Die Parallele ist unschwer beizubringen: Jemand redet sein »gutes Schwert« an, er liebe es, »Als wärst du mir getraut/ Als meine liebe Braut«. Was folgt? »Zur Brautnachts-Morgenröte / Ruft festlich die Trompete«. Sie ruft zur Schlacht: »O schöner Liebesgarten, / Voll Röslein blutigrot«. »Drum drückt den liebeheißen, / Bräutlichen Mund von Eisen / An Eure Lippen fest!« (Alles aus dem »Schwertlied« von Theodor Körner) – woraus bei Grass, in peinlicher Vergröberung, schon einmal werden konnte: »einer Feldhaubitze ungeschminkte Mündung« küssen. Als Eigentümlichkeit des Prosaisten Grass erweist sich die Herübernahme veralteten Wortguts und rhetorischer Figuren aus obsoleter Propagandaliteratur älteren Datums. Der Effekt ist die Funktionalisierung erotischer Lexik als Medium der Ästhetisierung des Krieges.

Grass‘ Sprachgebung unter die sprachkritische Lupe genommen, welches Fazit ist nahegelegt? Hier liegt ein Beispiel für Scharlatanerie in der Literatur vor.

1 Den Ausführungen liegen drei Veröffentlichungen von Grass zugrunde, das erste umfängliche und das bisher letzte Erzählwerk sowie ein Band mit politischen Aufsätzen aus der Phase der Vorbereitung und Entfaltung der sogenannten 68er-Bewegung. Sie werden zitiert jeweils mit Kürzel und Seitenzahl: Die Blechtrommel. Roman, 5. u. 6. Aufl., Frankfurt/Main etc. 1960; Im Krebsgang. Eine Novelle, 3. Aufl., Göttingen 2002; Über das Selbstverständliche. Politische Schriften, München 1969 (= Texte aus dem Jahrfünft 1965-1969).
2 Nach Karlheinz Deschner, in seinem Enzensberger-Grass-Verriß, in: Talente, Dichter, Dilettanten. Überschätzte und unterschätzte Werke in der deutschen Literatur der Gegenwart, Wiesbaden 1964, S. 367
3 So Pierre Bordieu in »Die politische Ontologie von Martin Heidegger«, Frankfurt/M. 1988, S. 33. Seine Beurteilung Heideggers läßt sich in diesem Fall auf Grass übertragen
4 Vgl. Wolfgang Beutin, »Wir klagen an«. Schriftsteller im Kriege, in: Hans-Rüdiger Minow/Stephan Eggerdinger, Der Terror des Krieges, München 2000, S. 109
Dr. Wolfgang Beutin, Jg. 1934, Privatdozent an der Universität Bremen, veröffentlichte zuletzt: Knief oder Des großen schwarzen Vogels Schwingen (Roman über die Bremer Räterepublik, Würzburg 2003); Aphrodites Wiederkehr (Beiträge zur Geschichte der erotischen Literatur, Frankfurt/M. 2005)
Aus: Junge Welt, 16.08.2006

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