Unsere kommunistische Arbeit unter den Frauen,unsere politische Arbeit unter ihnen, schließt ein großes Stück Erziehungsarbeit unter den Männern ein.
W. I. LENIN

Am 8. März 1917 demonstrierten tausende Frauen zum Internationalen Frauentag in den Straßen Petrograds. Es waren nicht nur die Arbeiterinnen, sondern die „Masse der Frauen“, wie die »Prawda« berichtete: … sie beherrschten die Straßen …. brachten Straßenbahnen zum Stehen. Genossen, steigt aus!‘ riefen sie mit energischer Stimme. Sie gingen in die Fabriken und Werke und führten die Arbeiter von den Maschinen weg“ /1 Die Frauendemonstration war der Auftakt zu mächtigen Kampfaktionen der Petrograder Arbeiterschaft, die zum Generalstreik führten. Der 8. März war der erste Tag der Revolution, die den Zarismus hinwegfegte.

Frauen im Klassenkampf

Der Einsatz der Frauen im Februar 1917 war ebenso wenig Zufall, wie ihre aktive Rolle in der Oktoberrevolution, die den ersten Arbeiter- und Bauernstaat in der Geschichte verwirklichte. Denn die Frauen – so August Bebel 1875 – „selbst Unterdrückte“, haben, von der Hoffnung geleitet „ihre eigene Unterdrückung zu beendigen oder zu erleichtern … noch in jeder großen Bewegung ihre Rolle gespielt“.
Allen Mythen und Vorurteilen zum Trotz bewiesen die Frauen schon in den Sklavenaufständen, den Bauernkriegen und in der Französischen Revolution, dass Kampfgeist, Mut und Entschlossenheit nicht allein Eigenschaften der Männer sind. Vom deutschen Bauernkrieg (1525) wird berichtet, dass Frauen bewaffnet mit Mistgabeln in eigenen „Weiberhaufen“ kämpften. Die Frau von Thomas Müntzer, Ottilie von Gersen, leitete die Frauenaktion von Allstedt. Von den Frauen, die mit den Bauern kämpften, wird besonders eine Böckinger Bäuerin hervorgehoben: die schwarze Margarete. Von ihr heißt es in der Literatur: Sie „handelte, enthusiasmierte, warnte, wirkte mit kühnster Entschlossenheit für die Sache der Ihrigen, wo kein Mann mehr handelte und sprach“. Die kämpfenden Bauern und Pleber strebten auch nach einen neuen Verhältnis zu den Frauen und Kindern. Das zeigt sich klar an Hand ihrer Forderungen nach freiem Eheschluss, Familienversorgung und dem Schutz der alleinstehenden Frau und Witwe. Sogar die Abschaffung der Benachteiligung unehelicher Kinder wurde verlangt. Wie revolutionär diese Forderung war, lässt sich daran ermessen, dass sie auch heute nicht in allen kapitalistischen Ländern erfüllt ist. Im „modernen“ Österreich wurde sie erst 1971 erreicht.
Die bürgerliche Revolution war unter der Losung „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ angetreten. „Das Konzept einer vom Absolutismus befreiten Produktion, eines freien Marktes, freier und gleicher Produzenten, rief den Gedanken der politischen, moralischen und sozialen Frei-heit und Gleichheit hervor. Ist es verwunderlich, dass die kühnsten Frauen des Bürgertums diesen Gedanken nun ihrerseits auf die Freiheit und Gleichheit der Geschlechter übertrugen?“/ 2
Im Jahr der Französischen Revolution veröffentlichte Olympe de Gouges eine „Erklärung der Rechte der Frau“, in der zum ersten Mal in der Geschichte die Gleichberechtigung der Frau gefordert wurde. Als das Bürgertum an die Macht kam, erfüllte es die Hoffnungen der Frauen nicht. Im Gegenteil, bis heute werden jene Frauen, die mutig und mit großer Aufopferung für das Frauenwahlrecht und für den Zugang zur Bildung kämpften, als Ungeheuer dargestellt, oder es wird versucht, sie mit allen Mitteln lächerlich zu machen.

Marxismus und Frauenfrage

Mit der Entstehung der großen Industrie wurden zum ersten Mal Frauen massenhaft in die Produktion einbezo-gen. „Sofern die Maschinerie Muskelkraft entbehrlich macht“, schrieb Karl Marx im „Kapital“, wird „sie zum Mittel, Arbeiter ohne Muskelkraft oder von unreifer Körperentwicklung, aber größerer Geschmeidigkeit der Glieder anzuwenden. Weiber- und Kinderarbeit war daher das erste Wort der kapitalistischen Anwendung der Maschinerie.“ /3 Die Arbeiterin ist daher gleich dem Arbeiter „frei“ in dem doppelten Sinn, „dass er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, dass er andererseits andere Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.“ /4
Was aber den Wert der weiblichen Arbeitskraft angeht, so nutzte der Kapitalismus die vorgefundenen Verhältnisse der untergeordneten gesellschaftlichen Rolle der Frau.
Bis heute (auch bis heute L.R.) hat sich daran nichts geändert: Frauen erhalten im Kapitalismus niedrigere Löhne als die Männer, weil nach der herrschenden Ideologie der Hauptinhalt ihres Lebens in der Familie, bei den Kindern und im Haushalt liegt. Daher galt der Mann als der eigentliche Ernährer der Familie, während die Frau nur „dazu“ verdient. Es gehört zu den verhängnisvollen Fehlern der feministischen Bewegung, die sich nach 1970 auch in der BRD und in Österreich entwickelte, die marxistische Frauenemanzipationstheorie nicht genügend zu beachten. Denn aus der Marxschen Analyse ergibt sich die untrennbare Verknüpfung der Frauenfrage mit der allgemeinen sozia-len Frage, der sozialistischen Revolution mit der Befreiung der Frau. Wenn die Frauenbewegung nur im Rahmen der sozialistischen Revolution siegen kann, so kann sich auch das „Proletariat nicht endgültig befreien, ohne für die völlige Befreiung der Frau zu kämpfen“ (Lenin). In dieser Dialektik zeigt sich aber nicht nur die Bedeutung der Frauenfrage für die revolutionäre Praxis, sondern auch die tiefere philosophische Dimension, die der Marxismus der Emanzipation der Frau als Bestandteil der allgemeinen Emanzipation des Menschen beimisst. Denn das marxistische Verständnis des Menschen als gesellschaftliches Wesen schließt jede Auffassung eines biologisch fixierten, „natürlichen“ Wesens der Frau aus. Die Unter-drückung der Frau ist demzufolge kein geschlechtliches, sondern ein historisches Problem und daher auch veränderbar.

Die Frau im Sozialimus

Wenn auch in der Geschichte der Arbeiterbewegung zeitweise Unklarheiten in der „Frauenfrage“ auftraten, so haben nach Marx und Engels August Bebel, Clara Zetkin und Lenin ihren prinzipiellen Aspekt vertreten und; weiter entwickelt. Folgerichtig wurde nach dem Sieg der sozialistischen Revolution 1917 schon am 2. November per Dekret die gesetzliche Gleichberechtigung von Mann und Frau verkündet. Dieser erste Schritt der jungen Sowjetmacht erregte weltweites Aufsehen, denn er bewies den demokratischen Charakter des proletarischen Staates und seiner Regierung. Es war auch kein Zufall, dass dieser ersten proletarischen Regierung eine Frau angehörte, denn seit den Tagen der Gründung der I. Internationale (damals dokumentierte Harriette Law im Generalrat das Prinzip der Gleichberechtigung) kämpften Frauen an der Spitze der Arbeiterbewegung. Am 8. November 1917 schrieb der amerikanische Botschafter aus Russland: „Es wird berichtet, dass der Petrograder Rat der Arbeiter und Soldaten ein Ka-inett ernannt hat mit Lenin als Premier, Trotzki als Außenminister und Madame oder Mlle. Kollontai als Erziehungsminister. Widerlich!“ /5 Was es damals bedeutete, die gesetzliche Gleichberechtigung von Mann und Frau zu verankern, kann durch den Hinweis, dass in Österreich erst 1976 (!) der patriarchalische Grundsatz vom Mann als dem „Haupt der Familie“ abgeschafft wurde, ermessen werden.
(…)Viel wird bei uns auch von der neuen Möglichkeit, die ab 1977 besteht, geredet, dass Frauen jetzt nach der Eheschließung ihren eigenen Familiennamen behalten können. Für die sowjetischen Frauen besteht diese Möglichkeit seit 1917: Die Ehepartner können sich auf einen gemeinsamen Namen einigen oder jeder behält den eigenen.
1919, in einer Zeit schwerster Bedrängnis, schrieb Lenin in „Die große Initiative“: „Nehmen wir die Lage der Frau. Keine einzige demokratische Partei der Welt hat in dieser Beziehung auch nur in einer einzigen der fortgeschrittensten bürgerlichen Republiken in Jahrzehnten auch nur den hundertsten Teil von dem geleistet, was wir gleich im ersten Jahr unserer Herrschaft geleistet haben. Von den niederträchtigen Gesetzen über die Rechtsungleichheit der Frau, über die Beschränkungen der Ehescheidung, die schändlichen Formalitäten, an die sie geknüpft war, über die Nichtanerkennung der unehelichen Kinder, über die Nachforschung nach ihren Vätern ‚Usw. – Gesetzen, von denen es in allen zivilisierten Ländern zur Schande der Bourgeoisie und des Kapitalismus so zahlreiche Überreste gibt -, haben wir im wahrsten Sinn des Wortes keinen Stein auf dem anderen gelassen. Wir haben tausendmal das Recht, stolz zu sein auf das, was wir auf diesem Gebiet geleistet haben. Aber je mehr wir den Boden von dem Schutt der alten bürgerlichen Gesetze und Einrichtungen gesäubert haben, um so klarer ist es für uns geworden, dass dies nur die Ebnung des Bodens für den Bau, aber noch nicht der Bau selbst ist. Die Frau bleibt nach wie vor Haussklavin, trotz aller Befreiungsgesetze, denn sie wird erdrückt, erstickt, abgestumpft, erniedrigt von der Kleinarbeit der Hauswirtschaft, die sie an die Küche und an das Kinderzimmer fesselt und sie ihre Schaffenskraft durch eine geradezu barbarisch unproduktive, kleinliche, entnervende, abstumpfende, niederdrückende Arbeit vergeuden lässt. Die wahre Befreiung der Frau, der wahre Kommunismus wird erst dort und dann beginnen, wo und wann der Massenkampf (unter Führung des am Staatsruder stehenden Proletariats) gegen diese Kleinarbeit der Hauswirtschaft oder richtiger, ihre massenhafte Umgestaltung zur sozialistischen Großwirtschaft beginnt.“/6
Die „Keime des Kommunismus“, die es jetzt schon zu entwickeln gilt, sieht Lenin in „Speiseanstalten, Krippen, Kindergärten“./7 Was Krippen, Kindergärten, Koedukation und den polytechnischen Unterricht betrifft, haben auch jene sozialistischen Länder, die von der schweren Hypothek wirtschaftlicher und sozialer Rückständigkeit betroffen waren, längst die entwickeltsten kapitalistischen Länder überflügelt. Auch der letzte Fünfjahresplan der Sowjetunion sieht neue Anstrengungen in dieser Richtung vor, Kindereinrichtungen, Schulmenüs und Dienstleistun-gen (Wäschereien, Reinigungsbetriebe, Gaststätten …) auszubauen. Gleichzeitig aber wird die Frage nach der Demokratie in der Familie konkret gestellt. Denn eine Gesellschaft, die die Verwirklichung der sozialistischen Demo-kratie in allen Bereichen als entscheidende Aufgabe begreift, kann vor der Familie nicht halt machen. Die Tatsache, dass die berufstätige Frau im wesentlich stärkeren Maß mit der Erziehung der Kinder und der Hausarbeit belastet ist, fordert die Rückkehr des Mannes in die Familie. Dadurch kann die Forderung von Nadesha Krupskaja eingelöst werden, nach der es keine Arbeit mehr geben dürfe, die dem Mann unwürdig, der Frau aber angemessen sei.

ANMERKUNGEN:
/1Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Verlag Progress, Moskau, Bd. II, p. 726.
/2 Ernest Bornemann, Frauen allein sind schwach (Serie in der Beilage der »Volksstimme«. 1976) ‚
/3 Karl Marx, Das Kapital, Bd. I, Berlin, 1962 p. 416.
/4 Karl Marx, ebda. p. 183.
/5 Alexandra Kollontai, Autobiografie einer sexuell emanzipierten Kommunistin, München, 1970 (Vorwort).
/6 W. l. Lenin Die große Initiative., Werke Bd. 29, Berlin 1961, p. 418 bis 420.
/7 W. I. Lenin, ebda.
Aus: »Weg und Ziel«, März 1977, 35. Jahrgang, Nr.3 Seite 120/121

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