Verflossenes ist der Vergangenheit nur insofern zu entreißen, als es noch Elemente enthält, die gegenwärtige, neue Bedürfnisse irgendwie befriedigen können. Spricht man von „Wiederentdeckung“ oder „Wiedergeburt“ des Austromarxismus, erhebt sich also die Frage: Welcher Art sind Bedürfnisse, die zu Wiederbelebungsbemühungen inspirieren? Wer greift zurück und wonach wird gegriffen?

Spätestens seit der jüngsten Verschärfung der allgemeinen Krise des Kapitalismus wurde weithin ein Bedarf an „Reideologisierung“ auch von jenen entdeckt, die noch ein Jahrzehnt zuvor darauf geschworen hatten, Ideologie könne nie und nimmer anderes als „falsches Bewußtsein“ sein. Je unerfreulicher, je beunruhigender es wird, wenn man die kapitalistische Welt näher anschaut, desto mehr rücken weltanschauliche Fragen in den Mittelpunkt; auch bei rechten Sozialdemokraten, deren Ehrgeiz sich darin erschöpft, die bürgerliche Welt zumindest so gut wie bürgerliche Parteien zu verwalten.

Auf den Anspruch, eine andere, bessere Welt zu wollen, können sie ja nicht verzichten. Noch mehr: Je unpopulärer, je unerquicklicher die Folgen solcher Verwaltung, je verwickelter die dabei auftretenden Probleme, desto stärker wird auch ihr Bedürfnis, das dürftigste, fadenscheinige Flickwerk ins Pathos der Weltveränderung zu hüllen. Darum hat die rechte Sozialdemokratie vor allem im letzten Jahr-zehnt schon mit etlichen Rückgriffen – etwa auf den „klassischen“ Revisionismus Bernsteins – versucht, ihr „Ideologie- und Theoriedefizit“ irgendwie abzudecken. Die Ergebnisse haben nicht einmal sie selber zufriedengestellt. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, daß man nun Abhilfe auch mit sorgfältig ausgewählten Elementen des Austromarxismus zu schaffen sucht. Immerhin hat es hinsichtlich der Verknüpfung opportunistischer Praxis mit dem linken, zuweilen radikalen Wort niemals jemand annähernd so weit gebracht wie einige der wichtigsten Exponenten des Austromarxismus.

Eben diese Zwieschlächtigkeit bringt es mit sich, daß auch völlig anders geartete Motive zu Rückgriffen auf ihn veranlassen können. Etwa das unverfälschte Bedürfnis nach einer gesellschaftspolitischen Alternative, welche sozialdemokratische Beteiligungen an der Geschäftsführung des Kapitals nicht bieten können, wobei die tatsächliche Entwicklung immer deutlicher macht: Diese Ärzte am Krankenbett des Kapitalismus sind längst selber zu einem Teil der Krankheit geworden. Rückgriffe können auch dem bloß taktischen Bedürfnis entspringen, sich eben gegenüber solcher Praxis zu profilieren, ohne mit ihr brechen zu wollen.

Wieder einmal wird aus verschiedenen Beweggründen in verschiedenen Situationen von der Notwendigkeit gesprochen, einen „dritten Weg“ ausfindig zu machen. Nun ist bekanntlich die rechte Sozialdemokratie nach der Niederlage des Hitler-Faschismus, angesichts der Umwälzungen in Osteuropa, angesichts des kalten Krieges, den die selbsternannte „freie Welt“ gegen alle Bewegungen für Freiheit und Befreiung vom Kapital entfesselte, mit dem Anspruch auf-getreten, den „dritten Weg“ nicht bloß zu kennen, sondern allein auf ihn, zwar langsam, aber desto sicherer, führen zu können. Nir gends hat ihr Weg über die Grenzen des Kapitalismus, über soziale Unsicherheit, krasse Ungleichheit, ökonomische Abhängigkeiten hinausgeführt, wohl aber, über parlamentarische Mehrheiten und Regierungsbeteiligungen, nach Olof Palmes Worten, zur „Symbiose mit dem Kapital“. Und darum ist heute auch zu hören: Eigentlich müßte es doch irgendwo einen Weg geben, der sich sowohl von dem sozialdemokratischen wie dem kommunistischen grundsätzlich unterscheidet. Diese Suche nach dem gelobten, völlig neuen „dritten Weg“ – sie ist sowohl Ausdruck der Perspektivlosigkeit des alten, ausgetretenen „dritten Weges“ der rechten Sozialdemokratie wie der trügerischen Hoffnung, irgendwie, auf Seiten- und Schleichwegen, zum Sozialismus zu gelangen, ohne einen revolutionären einzuschlagen. In den letzten Jahren haben Faktoren an Bedeutung gewonnen, die für eine Weile zu vermeintlichen „Mittelwegen“ drängen können.

Erbittertster ideologischer Krieg der Geschichte

Der reale Sozialismus ist ungeachtet der Schwierigkeiten, die ihm die Auseinandersetzung mit einem noch mächtigen Imperialismus an vielen Fronten bereitet, eine ständige, eine wachsende Herausforderung für die Welt des Kapitals. Sie wird für diese um so gefährlicher, je mehr deren Fähigkeit abnimmt, auf brechende Probleme unter Kontrolle zu halten. Darum vereinigen sehr verschiedene Kräfte, die es aus verschiedenen Gründen mit dem Kapitalismus halten, ihre Bemühungen, den Sozialismus als „undemokratisch“ zu diffamieren, ja als „unsozialistisch“ erscheinen zu lassen.

Sie zielen nicht zuletzt dahin, eine Annäherung krisenbetroffener Zwischenschichten an sozialistische Positionen zu verhindern. In dieser erbittertsten und aufwendigsten ideologischen Schlacht, welche die Geschichte bisher kennt, entsteht wie von selbst auch die Versuchung, kleinbürgerlichen Vorstellungen in Mittelschichten, Sehnsüchten nach asphaltierten „Mittelwegen“ entgegenzukommen, sich dem Kreuzfeuer bürgerlicher Manipulationsmaschinen ein wenig zu entziehen, indem man die Absicht verkündet, einen „völlig neuen Sozialismus“ – zum Unterschied vom realen – erfinden zu wollen; indem man auf einen „idealen“ orientiert, den zu realisieren nie die passende Gelegenheit kommt. In dem weltumspannenden, höchst ungleichmäßig verlaufenden revolutionären Prozeß, der mit dem Roten Oktober begann, sieht sich die Arbeiterbewegung in den entwickeltsten kapitalistischen Ländern heute einem in fast jeder Beziehung hoch gerüsteten Gegner gegenüber, vor komplexe, zum Teil neue Aufgaben gestellt. Dies macht es besonders nötig, neue Momente und Ansatzpunkte richtig zu erfassen, ihr Gewicht einzuschätzen, sie einzuordnen in die Summe von Erfahrungen aus Kämpfen von Generationen, unter denkbar verschiedensten Bedingungen. Mit dieser Notwendigkeit ist stets die Gefahr verbunden, allgemeine Erfahrungen, also Gesetzmäßigkeiten ungenügend zu verwerten oder gar zu verwerfen, zu Neuauflagen alter Irrtümer, Halbheiten, untauglicher Versuche als „allerletztem Wort“ zurückzukehren.

Viertel, achtel, sechzehntel der Macht…

Es versteht sich: Ist für die Arbeiterbewegung die ganze Macht noch nicht in Reichweite, greift sie mit Recht zunächst nach der halben. Schreckt man jedoch vor der „Ungeheuerlichkeit der eigenen Zwecke“ zurück, vor Risken, Mühen, Opfern des Kampfes oder vor einer Entscheidung, verstellt die nächste Aufgabe das Ziel, dann greift man gern zurück auf Theorien einer wunderbaren „Neutralisierung des Staates“, eines sanften, risikolosen Hinübergleitens in eine neue Ordnung über Sechzehntel, Achtel, Viertel der Macht. Wer wäre reicher an solchen Theorien als der Austromarxismus, der sich unter Bedingungen entwickelte, wo zuweilen die große Mehrheit der Sozialisten die Machtergreifung für das Vordringlichste hielt, ja die Sozialdemokratische Partei sogar im bürgerlichen Staat über einen bewaffneten Arm verfügte: den Republikanischen Schutzbund. Kaum eine Frage, welche auf dem Weg zur Macht auftauchen kann, die nicht im Austromarxismus theoretisch angerissen wurde, freilich meist nur, um zu „beweisen`, daß die Verhältnisse „noch nicht reif“ seien, daß ein „Abwarten des Reifeprozesses“, daß der Rückzug in Permanenz, die Flucht vor Entscheidungen das Ratsamste seien.

Seine Aktualisierung verdankt der Austromarxismus zweifellos der Eigenschaft, auch in der aktuellen Situation noch so manchen, mit-unter einander zuwiderlaufenden Bedürfnissen das eine oder andere bieten zu können. Weil er nie verbindliche Anleitung zu politischem Handeln war, vorwiegend der Rechtfertigung von Versäumnissen, Unterlassungen und faulen Kompromissen aus der Hinterdreinsicht diente, stets aber darauf bedacht blieb, auch auf jene zu wirken, die sozialistisches Handeln wünschen, darum war und ist er für Entlehnungen verschiedenster Art wie geschaffen. Einerseits stellt er das anspruchsvollste, ausgeformteste Theoriegebilde dar, das die Sozialdemokratie je hervorgebracht hat. Zugleich ergab er nie eine ideologisch-theoretische Einheit, ja rühmte er sich, überhaupt keine „Weltanschauung“ zu sein, sondern sich so gut wie mit jeder Philosophie zu vertragen.

Folglich lassen sich mit Fäden, die man dem Austromarxismus entnimmt, sehr verschiedene Muster weben. So kann man bei seinem historischen Fatalismus anknüpfen, bei der Vorstellung eines automatischen Zusammenbruchs, eines „Wehgerichts“, wo nicht die Arbeiterklasse mit dem Gegner abzurechnen habe, sondern zuvor-kommend die Geschichte das höchst persönlich besorgen werde. (Etwa beim späten Viktor Adler.) Ebensogut kann man andere Fäden herauszupfen: diverse Theorien des „Gradualismus“, des sanften Hineinwachsens in den Sozialismus ohne qualitativen Sprung, ohne erbitterten Klassenkampf bis zur Revolution; eine der zahllosen Spielarten, mit denen man das große Loch zu stopfen versuchte, welches durch das natürliche Ausbleiben des „automatischen Zusammenbruchs“ und die Ausklammerung der Arbeiterklasse als geschichtsgestaltende Kraft in der Theorie entstehen mußte.

Im Namen des Austromarxismus kann man sich auch auf seine Rennersche Variante berufen – auf einen „klassenneutralen Staat“, auf eine „Demokratie als neutrale Form“, auf das „höhere Ganze“, welches in der „Wirtschaftsgemeinschaft des Volkes“ – ein Mirakel – auch unter kapitalistischen Eigentumsverhältnissen bestehen soll. Dergleichen leitet schnurstracks zur so gar nicht marxistischen These, Sozialismus habe nicht mehr zu bedeuten als Verwaltung und Reformierung des Kapitalismus durch Sozialdemokraten als kundige „Mitgestalter“ und „Techniker“ von „Staat und Recht“. Entgegensetzen ließe sich Otto Bauers späte Einsicht in den Charakter des Staates als „Herrschaftsinstrument einer Klasse“ in das Wesen der Demokratie als „Herrschaftsform“, was ihn zu der Schlußfolgerung brachte, es gälte, von der bürgerlichen Demokratie über die proletarische zur sozialistischen vorzudringen, nötigenfalls über die Phase einer Diktatur des Proletariats. Doch auch beim späten Otto Bauer lassen sich Gegenpositionen zu jener finden, wo er – einmal wirklich dialektisch, gewitzt durch Erfahrungen mit dem Faschismus – darauf verwies: Gerade aus der Verteidigung der bürgerlichen Demokratie gegen das reaktionär gewordene Bürgertum kann die Arbeiterklasse an die Errichtung ihrer Macht, ihrer Klassenherrschaft im Interesse der Mehrheit, an eine qualitativ neue Demokratie herankommen. Dergleichen führt – folgerichtig weitergedacht – in die Nähe kommunistischer Strategien des antifaschistischen und des antimonopolistischen Kampfes für die Öffnung des Weges zum Sozialismus. Um sich keiner Entstellung schuldig zu machen, ist zu sagen: Was immer man finden möchte, man wird zumindest auf Vergleichbares stoßen, sucht man im Austromarxismus genügend lange. So bietet sich auch Bauers „Gleichgewichtstheorie“ als Anknüpfungspunkt an. Sie behauptet, daß dort, wo Gleichgewicht der Kräfte zweier Klassen herrsche, von denen keine allein den Staat zu regieren vermöchte, die demokratische Republik nur durch die Koalition dieser beiden Klassen regiert werden könne. Als Notbehelf taugt diese Konstruktion einer angeblichen historischen „Unentrinnbarkeit“ sowohl zur Begründung einer „Sozialpartnerschaft“ wie „historischer Kompromisse“ mit dem Kapital. Allerdings sollte man dabei nicht die tatsächliche geschichtliche Entwicklung aus den Augen verlieren, die mit solcher Theorie und Praxis verträglich Hand in Hand ging: Von der sogenannten „Volksrepublik“ nach der verhinderten Revolution von 1918/19, über die Koalition, von der Julius Deutsch meinte, was die Sozialdemokratie in ihr vollbracht habe, sei nicht umkehrbar, über die „Restauration“ bis zum Triumph der faschistischen Reaktion im Jahre 1934.

Varianten fast für jeden

Auch hier ist im Rahmen des Austromarxismus unschwer ein Widerpart zu finden: Etwa Max Adlers Kritik an Bauers Gleichgewichtstheorie; sein triftiger Einwand, daß im selben Augenblick, in dem eine Klasse im Kampf nachläßt, im Selbstbewußtsein geschwächt wird, aus dem Gleichgewicht schon eine Übermacht des Gegners wird. Jahrzehnte sind verflossen, seit Adler diesen Einwand geltend machte. Und noch immer ist nicht der Tiefkühlschrank erfunden, mit dem man Klassenkampf und Kräfteverhältnisse zwischen Klassen nach Bedarf „einfrieren“ könnte. Der Stimmigkeit dieser Skizze zuliebe muß allerdings ergänzt werden: Auch bei Max Adler kann man auf ganz andere Weise fündig werden: Etwa bei seinem Grundgedanken, jede Philosophie, die es zur Weltauffassung bringen möchte, müsse religiös, „metaphysisch“ werden.

Theoretische Anleihen lassen sich bei Otto Bauer aufnehmen, der versicherte, der Weg zur Macht führe über den Stimmzettel. Bei ihm ist auch Brauchbares, Verwertbares zu finden: Wie die Erkenntnis – nach Zerschlagung der legalen Arbeiterbewegung -, daß der Weg zum Sozialismus nur über eine Zerschlagung der ökonomisch-ideologischen Herrschaftsmechanismen des Kapitals führen kann, daß parlamentarische Mehrheiten dafür allein nie reichen. Was das Verhältnis zum realen Sozialismus betrifft, mag man auf Otto Bauer zurückgreifen, der Sozialismus in einem rückständigen Agrarland wie Rußland für eine „Unmöglichkeit“ erklärte, der Jahre später dozierte: Man hätte die Macht – so wie in Österreich – nicht ergreifen sollen; aber auch auf den späteren Otto Bauer, der „berauschende Erfolge beim sozialistischen Aufbau“ anerkannte, der es ein Glück nannte, daß dort die Macht ergriffen wurde, daß es „das stärkste Bollwerk proletarischer Macht in der Welt“ gibt, ja der bedauerte, daß Haß gegen die Sowjetunion, „spießbürgerliche vulgärdemokratische Vorurteile gegen sie“, daß die Bestreitung ihres sozialistischen Charakters der Werbekraft sozialistischer Ideen Abbruch tun. Diese Kette, kunstvoll aus einerseits und andererseits geschlungen, ließe sich lange weiterverfolgen. Der Austromarxismus ist voll von Widersprüchen, wenn auch vorwiegend von solchen, undialektischen, die bloß in seiner Haltung zur Wirklichkeit stecken, nicht in dieser selbst. Es wäre töricht, irgendwo einen Generalstab, sei es des Opportunismus oder der Reaktion anzunehmen, der heute zur Dämpfung akuter werdender Probleme generell eine Dosis von Austromarxismus verschreibt. Nicht minder einfältig wäre es, zu übersehen oder zu bestreiten, daß die Entlehnung von Elementen des Austromarxismus der Versöhnung von Linken, Oppositionellen, ja sogar revolutionär Gesinnten mit unverbesserlich rechter Politik dienen kann.

„Lieber einen falschen Weg gehen…“

Durchaus anzunehmen ist, daß da oder dort die „Wiederentdeckung“ des Austromarxismus Sozialisten auch veranlassen kann, weiterzusuchen, bis sie auf den Marxismus stoßen, zu den wirklichen Quellen revolutionären Denkens und Handelns finden. Gewiß ist jedoch: Ein beliebiges Arrangement, ein noch so schönes Mosaik mit Steinchen des Austromarxismus wird nie eine in sich geschlossene, handhabbare, revolutionäre Theorie ergeben, sei es des Linkssozialismus, des „Eurosozialismus“ oder des „Eurokommunismus“. In allen Mischungen trachtete er stets danach, Brücke zwischen klassenmäßig unvereinbaren Positionen zu sein, zwischen linken Forderungen und Wünschen und Praktiken der Rechten zu vermitteln, und zwar auf die Weise, daß er letzten Endes der rechten Praxis seinen Segen gab, zu der er sich nicht selten als „innere Opposition“, als „Alternative“ oder nachträglich als folgenlose Selbstkritik anbot. Mit Rückgriffen auf den Austromarxismus hat es in Österreich seine besondere Bewandtnis: Praxis und Ideologie der „Sozialpartnerschaft“, der Dauerkollaboration mit dem Kapital, gebieten die Verneinung des Klassenkampfes von seiten der Arbeitenden, der zu-mindest im Prinzip von allen Schattierungen des Austromarxismus bejaht wurde. Die Verwaltung des bürgerlichen Staates auf der Basis des Konsens mit dem Kapital zieht eine fortschreitende Verbürgerlichung der Parteispitze wie der Programmatik nach sich. Begreiflicherweise erscheinen theoretische Gefechte austromarxistischer Vergangenheit heute manchen Sozialisten als Labsal, verglichen mit den eklektischen Bettelsuppen, welche heute tonangebende Pragmatiker, Technokraten und Verwalter des Kapitalismus mit der jeweils letzten bürgerlichen Mode als Fettauge servieren, ja die sogar noch das Abspülwasser des Liberalismus von einst als Lebenstrunk kredenzen möchten. Es wäre indes verfehlt, sich von Traditionen des Austromarxismus hier einen Wandel zu versprechen. Sämtliche seiner Varianten, untereinander streitend, darauf bedacht, sich voneinander abzuheben, stimmten in jeder Entscheidungssituation einträchtig und prompt in die Mahnung ein, die Einheit auch mit den Rechtesten um jeden Preis zu wahren, auch um den der Niederlage. Diese Grundhaltung, die es als Frevel erscheinen läßt, wenn einer aus Erfahrungen auch Konsequenzen fürs politische Verhalten und Handeln zieht, sie ist unmöglich treffender zu beschreiben, als Otto Bauer es mit seinen Worten tat: „Hunderte Male lieber einen falschen Weg gehen … als um des rechten Weges willen zu spalten.“ Jahrzehnte hindurch gab dies – ganz „austromarxistisch“ – letzten Endes den Ausschlag für viele linke und oppositionelle Sozialisten. Dies war und ist einer der gewichtigsten Gründe dafür, daß die Politik dieser Partei immer weiter nach rechts ausschlagen konnte.

Natürlich ist es kein Zufall, daß eine Organisationstheorie des Austromarxismus so gut wie nicht existiert. Sie erübrigt sich, hält man die Einheit „an sich“, ohne Rücksicht auf den Inhalt, ja sogar auf dem Boden einer verderblichen Politik für das oberste Gebot. Wir wünschen, daß es unseren sozialistischen Freunden zu denken gibt, wenn auch Kreisky sich nun, da die Zeiten härter werden, inständig eine „loyale Opposition“ wünscht, eine „konstruktive Opposition, die sich von Fall zu Fall entwickelt, nicht organisiert …“ („Kurier“, Interview, 30. Dezember 1979). Versuche zur Organisierung einer Opposition? Das wäre „Spaltung“. Verzicht auf Organisierung in der Partei, auf Aktionseinheit über die Partei hinaus? Das ist unweigerlich „loyale Selbstintegration“ in eine Partei – zu den Bedingungen jener Spitze, die selbst ins kapitalistische System integriert ist und folglich ständig, höchst verläßlich eine „konservativ-opportunistische Geisteshaltung“ (J. Braunthal zur Kennzeichnung des mächtigen sozialdemokratischen „Apparats“) reproduziert. Wer von „Fall zu Fall“ aufs Kreuz gelegt werden möchte, der halte sich an solche Vorschrift. Wem kann es nützen, wenn man die beschwerliche politische Praxis in den Betrieben, in den Gemeinden, an den Universitäten, die bei einiger Konsequenz in Konflikte mit dem bürgerlichen Staat, seinen Institutionen, mit „staatstragenden“ Sozialdemokraten und Gewerkschaftsführern verstricken muß, zurückstellt und statt dessen sich auf die Suche nach dem Gral begibt, nach dem „Ideal“ eines Sozialismus, das ideale Bedingungen voraussetzt, die es noch nirgends gegeben hat und auch bei uns nie geben wird? Geht man von den realen, vorgegebenen Bedingungen aus – von der Verfilzung der Macht des Staates mit der Macht der Monopole, die heute Kampfbedingungen für Linke, und nicht nur für sie, prägt -, dann stößt man auf die Unentbehrlichkeit einer angemessenen Strategie des langfristigen Kampfes gegen das staatsmonopolistische System, die in die „nationale Landschaft“ paßt, die österreichischen Besonderheiten Rechnung trägt, wie der „Sozialpartnerschaft“ als Herrschaftsform, als Tarnkappe für das Kapital.

Dafür wird man beim Austromarxismus wenig Brauchbares finden. Ein Jahrzehnt des Alleinregierens der Sozialdemokratie in Österreich widerlegt die alte These, daß „die Ökonomie zwar dem Kapital dient, aber der Staat in immer höherem Maß dem Proletariat“. Die höchst „radikale“ Umkehrung des Verhältnisses zwischen Steuerbelastung des Kapitals und jener der arbeitenden Menschen in zehn Jahren der Regierung Kreisky, die immer massivere Umleitung öffentlicher Mittel zur Erleichterung, zur Ermöglichung privater Kapitalbildung – sie belegen: Dieser Staat dient nicht nur der Bestanderhaltung des Kapitalismus; längst ist er selber auch Bestandteil des ökonomischen Reproduktionsprozesses, der Wiederherstellung von Kapitalverhältnissen auf immer „höherer“ Stufe geworden.

Sozialistisches Bewußtsein erwecken, entwickeln, verbreiten – was kann das heute anderes heißen, als anhand wirklicher Interessensgegensätze, realer Funktionen dieses Systems, allen Betroffenen mit Hilfe ihrer eigenen Erfahrungen bewußtzumachen: Es ist möglich, nötig und lohnend, sich zu rühren, sich zu wehren. Erklärt man, auf die Größe der Sozialistischen Partei hinweisend, in ihr sei die Einheit der Arbeiterschaft schon gegeben, beeilt man sich, den revolutionären Flügel der Arbeiterbewegung im eigenen Land als „irrelevant“ abzutun, dann orientiert man, ob man will oder nicht, statt auf kämpferische Einheit gegen das Kapital auf die Ohnmacht in der Einheit mit jenen Sozialdemokraten, die mit diesem System verwachsen sind. Daraus vermögen beliebige Rückgriffe auf den Austromarxismus nie linke Politik zu machen. Linkes Handeln, das weiterführt – und hier meinen wir keineswegs bloß andere, sondern auch uns selbst – es kommt nur zustande, wo man für gemeinsame Kämpfe um gemeinsame Interessen nicht ideologische Vorbedingungen stellt, nicht „Modelle“ für verbindlich erklärt, nach denen andere sich modeln müßten, sondern allein dort, wo man nach Kräften dazu beiträgt, daß die schon möglichen Regungen, Bewegungen, Proteste und Initiativen von unten gegen das bestehende System wirklich entstehen. Denn nur in ihnen können die Massen die Fähigkeit erlangen, für den Sozialismus zu kämpfen.

(Aus: »Weg und Ziel«, 1980, S.71-74)

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