Wenn wir heute von Sozialdemokratie sprechen, dann denken wir an jene Parteien, die 1914 ihr internationalistisches Klassenbewusstsein verleugneten und sich in die jeweiligen nationalen Fronten des ersten imperialistischen Weltkriegs einreihten.

Wir denken in Deutschland an die Partei Noskes, der auf ArbeiterInnen schießen ließ, an die Partei Schumachers, der sich im Kalten Krieg auf die Seite Amerikas gegen die Sowjetunion schlug, an die Partei Willy Brandts, der die Berufsverbote gegen KommunistInnen aussprach. Und wir fragen uns: Was ist aus der sozialdemokratischen Partei geworden, die mit den Namen Engels und Bebel verbunden ist, die das Opfer der Bismarckschen Sozialistengesetze wurde? Dass sich die KommunistInnen abspalteten und die III. Internationale bildeten, war kein Schisma und keine Spaltung der ArbeiterInnenklasse, sondern die logisch und politisch notwendige Konsequenz aus ihrem Festhalten an den Erkenntnissen von Marx und Engels.

Historischer Materialismus …

Ich sage: Erkenntnissen. Denn es geht dabei nicht um Standpunkte, die mensch einnehmen könnte oder auch nicht. Der historische Materialismus und die materialistische Dialektik erklären die Geschichte in ihren bestimmenden Strukturen aus empirisch abgesicherten Sachverhalten. Der Mensch ist ein Naturwesen, das seine Lebensbedürfnisse im „Stoffwechsel mit der Natur“ (Marx) befriedigt. Aber er konsumiert nicht nur, was er in der Natur vorfindet, sondern produziert die Güter seines Bedarfs und außerdem die Mittel zu dieser Produktion. Im Prozess der Differenzierung und Vervollkommnung der Produktion werden auch das System der Bedürfnisse und seine gesellschaftliche Organisation immer komplexer. Die Nutzung der Produktivkräfte, die Ausgestaltung der Produktionsmittel und die Ordnung der Produktionsverhältnisse bilden die materielle Basis des gesellschaftlichen Lebens; die Reflexion dieser Prozesse in kulturellen und ideologischen Sinngebungen geht daraus hervor und spiegelt die Perspektive, unter der die materielle Basis erfahren wird.

Entscheidend für das Verhältnis von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen sind die Produktionsmittel. Deshalb bedeutet das Eigentum an den Produktionsmitteln die Herrschaft in der Gesellschaft. Den Eigentumsformen entsprechen die Gesellschaftsklassen. Im Kapitalismus, der alles Eigentum dem Kapitalverhältnis subsumiert, bleiben nur noch zwei Hauptklassen übrig: die EigentümerInnen der Produktionsmittel, die KapitalistInnen – und die LohnarbeiterInnen, die nichts als ihre Arbeitskraft auf den Markt zu bringen haben, das Proletariat. Darum ist die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln das Ende der Klassengesellschaft und kann nur in einem revolutionären Prozess von denen bewirkt werden, die keine EigentümerInnen sind.

… versus moralisierender Idealismus

Das ist, sozusagen im Stenogramm, das Erklärungsmuster des historischen Materialismus. Es ist logisch deduzierbar und historisch begründbar. In einer zweiten Theorieebene, in der die Menschen nach dem Sinn ihres Daseins fragen, werden die Produktionsverhältnisse unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit von individuellen und Klassenlagen, von Armut und Reichtum, von Gleichheit und Ungleichheit der Verteilung des gesellschaftlich erzeugten Wohlstands beurteilt. Die Produktionssphäre ist abstrakter, die Unterschiede in der Verteilung sind sinnenfälliger und dem Individuum unmittelbar erkennbar. Darin liegen die gedanklichen Ursachen für den sozialdemokratischen Reformismus (für den es natürlich auch andere, soziologische, politische, psychologische gibt).

Schon der zu seiner Zeit verdienstvolle Geschichtsschreiber des Materialismus, der Philosoph Friedrich Albert Lange (einer der geistigen Väter der späteren Sozialdemokratie), setzte auf einen Ausgleich in der Verteilung, ohne das Eigentumsverhältnis an der Wurzel zu fassen. In seinem damals durchaus progressiven Buch „Die Arbeiterfrage“ (1866) findet sich der verräterische Satz: „Wie ungleich einfacher gestaltet sich Alles, wenn man das Eigenthumsrecht einfach nimmt, als das, was es ist: als einen Kompromiss zwischen der Vernunft und der thierischen Raubsucht des Menschen, welcher unendlich viele größere Übel durch kleinere Übel ersetzt und als Basis der allgemeinen Gesetzgebung den relativ günstigsten Zustand der Gesellschaft für eine große, vielleicht auch nur von Ferne die ideale Forderung erfüllen zu können, dass dabei die Freiheit jedes Einzelnen mit der Freiheit Aller bestehen könne!“ (S. 261)

Seine Rechtfertigung findet dieser Satz dann im Schlusskapitel der „Geschichte des Materialismus“ (1866): „Man gewöhne sich dafür, dem Princip der schaffenden Idee an sich und ohne Übereinstimmung mit der historischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnis, aber auch ohne Verfälschung derselben, einen höheren Werth beizulegen als bisher; man gewöhne sich, die Welt der Ideen als bildliche Stellvertretung der vollen Wahrheit für gleich unentbehrlich zu jedem menschlichen Fortschritt zu betrachten, wie die Erkenntnisse des Verstandes, indem man die größere oder geringere Bedeutung jeder Idee auf ethische und ästhetische Grundlagen zurückführt. […] Denn das wahre innerste Wesen des Glaubens ist von den Tagen Pauli bis heute nur das Ergriffensein von der Idee.“ (S. 545 und 552) In der 2. Auflage führte Lange dann diesen Gedanken als „Standpunkt des Ideals“ aus. Mensch führe sich vor Augen, dass dies zwanzig Jahre nach dem „Kommunistischen Manifest“ und etwa gleichzeitig mit dem „Kapital“ geschrieben wurde!

Hier prallen in der Tat philosophischer Materialismus und philosophischer Idealismus (der sich unter einer scheinmaterialistischen Darstellung verkleidet) hart aufeinander. Die Begründung von Geschichte und Gesellschaft auf die materiellen Bedingungen, das System der Bedürfnisse und der Arbeit, ist schon in Hegels „Rechtsphilosophie“ angelegt; Marx, Engels und Lenin entwickeln es weiter zur Kritik der politischen Ökonomie. Der Appell an die Moral, der Glaube an die schöpferische Idee, der Standpunkt des Ideals haben bei Kant ihren Ursprung. Lenin wusste, warum er den Kantianismus unter den MarxistInnen so leidenschaftlich bekämpfte und den PhilosophInnen der jungen Sowjetunion das Studium Hegels empfahl. Im Jargon Adornos gesprochen: Das ist ein Unterschied ums Ganze. Im einen Fall geht es darum, Verhältnisse zu verändern, damit die Menschen bessere Lebensbedingungen bekommen und daher bessere Verhaltensweisen ausbilden können. Im anderen Fall sollen die Menschen verbessert werden, um die Verhältnisse erträglicher zu machen. Der Umsturz der Verhältnisse, in denen Ausbeutung und Ungerechtigkeit, Knechtschaft und Barbarei herrschen, ist eine Revolution. Die Verbesserung der Menschen, „Sozialpartnerschaft“ statt Ausbeutung ist ein frommer Wunsch, solange die Gesetze der Akkumulation des Kapitals die Profitsteigerung erzwingen. „Wir wären lieber gut statt roh. Doch die Verhältnisse, die sind nicht so!“ (Brecht)

Grundfrage der Philosophie

In diesem Gegensatz wiederholt sich, was Engels die „Grundfrage der Philosophie“ genannt hat: MaterialistIn ist, wer bei den realen, d.h. ökonomischen Bedingungen der Reproduktion des Lebens beginnt; IdealistIn, wer von Absichten, ethischen Aprioris und der Fiktion einer guten moralischen Natur des Menschen ausgeht. Die Entscheidung darüber ist nicht beliebig, sie ist keine „Geschmackssache“, wie Friedrich Albert Lange meinte. Denn es folgen daraus politische Strategien. Wer die Eigentumsverhältnisse nicht verändern will, sondern nur den Egoismus und die Habsucht bändigen, findet sich mit den bestehenden Zuständen ab; er/sie bastelt an Reformen; gelegentliche Zugeständnisse der Herrschenden werden von ihm/ihr als Sieg empfunden, opportunistisch weicht er/sie aus vor dem „Kampf auf Leben und Tod“ (Hegel), der der Dialektik von „Herr und Knecht“ zugrunde liegt. Das ist der Weg der Sozialdemokratie. Wenn heute der Sozialdemokrat Gerhard Schröder der nachdrücklichste Vertreter imperialistischer Interessenpolitik ist und von den WirtschaftskapitänInnen auch als solcher gelobt wird, so ist das die Endstation, an die eine Partei gelangen kann, die einmal für die ArbeiterInnenklasse angetreten ist. Sie kennt und will keine Alternative mehr zur bürgerlichen Gesellschaft. Bei einzelnen Personen mag das seine Gründe in Resignation, Anpassung, Korruption haben. Als Massenorganisation verlor die Sozialdemokratie ihre politische Identität mit der Preisgabe der geschichtlichen, ökonomischen, gesellschaftlichen Konzeptionen, die ihre Entstehung bestimmten und ihre Kämpfe geleitet haben.
Diese Identität bewahrt sich in der kommunistischen Bewegung. Auch sie ist immer wieder von Opportunismus und Kleinmut bedroht. Auch sie muss sich in der bürgerlichen Gesellschaft bewähren und behaupten, lange bevor sie den Übergang zum Sozialismus in einem revolutionären Umsturz vollziehen kann. Unerlässlich ist gerade deshalb die theoretische Klarheit über die unaufhebbaren Widersprüche im Kapitalismus, den Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital, den Selbstwiderspruch der Kapitalakkumulation, die Zerstörungspotenzen des Konkurrenzkampfs usw. Nicht theoretische Differenzen gefährden die Kampfkraft kommunistischer Organisationen (denn die muss es geben, wenn die Erkenntnis fortschreiten soll), sondern der Theorie-Verlust, der zum Abgleiten in den Sozialdemokratismus führen muss.

Wurstelei im Bestehenden …

Natürlich ist der Grundwiderspruch zwischen SozialdemokratInnen und KommunistInnen von politisch-strategischer Art: Reform pur oder Reformen mit revolutionärem Ziel. Die lange Verzögerung revolutionärer Veränderungen, die den KommunistInnen eine reformerische Alltagspraxis aufnötigt (gerade da, wo sie parlamentarisch stark repräsentiert sind – Italien ist ein Musterbeispiel), führt unausweichlich auch innerhalb kommunistischer Parteien zu Formen des Sozialdemokratismus. Das revolutionäre Ziel kann dabei im Bewusstsein erhalten bleiben, aber die täglichen Entscheidungen im Feld der kleinen Auseinandersetzungen bringen dann einen Pragmatismus des Verhaltens hervor, hinter dem das revolutionäre Programm zur Sonntagspredigt verblasst. Die Übergänge sind da gleitend.

Insofern ist für KommunistInnen, wie Lenin richtig erkannt hat, die theoretische Reflexion der geschichtlichen Tendenzen und Kräfte im Großen ein unverzichtbarer Teil des Klassenkampfs. Kein Klassenkampf ohne Klassenbewusstsein, kein Klassenbewusstsein ohne richtige Epochenanalyse; dies gilt umso mehr, als in der sich schnell verändernden technischen Welt das Erscheinungsbild und Profil der Klassen neue Züge annimmt, die das fortdauernde grundlegende Ausbeutungsverhältnis verschleiern können.
Es ist kein Zufall, dass ein deutscher sozialdemokratischer Bundeskanzler, Helmut Schmidt, den „kritischen Rationalismus“ Karl Poppers und seiner Schule als philosophische Orientierung vorgegeben hat. Die Ideologie des „piecemeal engineering“, d.h. der Stückwerkreparaturen am System, entspricht genau der sozialdemokratischen Taktik, das System im Ganzen nicht in Frage zu stellen, aber da und dort schlimmste Mängel auszubessern. Auch der Rationalitätsbegriff der PopperianerInnen reicht dazu aus: Begrenzte Ziel-Mittel-Beziehungen unter Ausblendung der gesellschaftlichen Interaktionen, die sich kreuzen und überschneiden, und mit dem Kontrollinstrument nicht der Bewährung einer Theorie, sondern ihrer Falsifikation. Das ist die zur Methode erhobene perspektivlose Wurstelei.

… oder Avantgarde der Zukunft

Ohne eine geschichtsphilosophische Perspektive ist eine politische Langzeit-Konzeption – heute sagt mensch gern großmäulig: Vision – nicht zu entwickeln. Es bedarf eines Begriffs des Fortschritts, der ebenso anthropologisch wie politökonomisch begründet ist. Die Gattungsgeschichte der Menschen – nicht nur die vergangene, auch die zukünftigen Möglichkeiten – muss in den Zusammenhang der Erhaltungs- und Entwicklungsgesetze der Natur eingebettet werden. Dafür müssen Zusammenhänge, die über die Erfahrungsgrenzen der positiven Wissenschaften hinausgehen, mit Methoden der dialektischen Vernunft erschlossen und modelliert werden. Das hat Engels mit dem Satz, Dialektik sei die Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs, schon programmatisch gesagt. Die Themen der klassischen Metaphysik kehren auf einer neuen Ebene als solche dialektischer Konstruktion zurück. Was das aber bedeute, ist noch weithin ungeklärt und bedarf intensiver kritischer Forschung und kontroverser Diskussion. Hatte die Sozialdemokratie gemeint, sich mit (auch noch bürgerlicher!) Ökonomie und Soziologie als Leitwissenschaften begnügen zu können, so erfolgt nun die Wiedergeburt der Philosophie aus dem Schoße der politischen Praxis. Das hätten wir schon von Lenin und Gramsci lernen können.

Es sind die Arbeiten der marxistischen ForscherInnen, die dazu das Instrumentarium bereitstellen. Solange die KommunistInnen ihre Rolle in der Gesellschaft, die streitbare und kompromisslose Partei des Klassenkampfs zu sein, mit der subjektiven Stärke dieses Wissens und Wollens erfüllen, werden sie ein Motor der Geschichte sein – wie groß oder klein ihre Zahl zu einer bestimmten Zeit sein mag. Und dies, meine ich, ist der Sinn jenes Wortes, das den Rang einer geschichtsphilosophischen Kategorie hat: Die KommunistInnen sind die Avantgarde der ArbeiterInnenklasse.

Prof. Dr. Hans Heinz Holz lehrte Philosophie an den Universitäten Marburg und Groningen und ist Ehrenpräsident der Internationalen Gesellschaft für dialektische Philosophie.

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