Vorbemerkungen

Was ist überhaupt Philosophie? – Philosophie ist zunächst dem Ursprung des Wortes nach „Liebe zur Weisheit“. Nach Hegel ist sie die Zeit „in Gedanken gefasst“. Philosophie ist ein Resultat der theoretischen Aneignung der Welt durch den Menschen.

Die philosophischen Ideen und Vorstellungen, die in der mehr als zweieinhalbtausendjährigen Geschichte in großer Vielfalt entstanden, waren nie allein das Ergebnis theoretischer Arbeit oder Spekulation. Sie waren stets – wenn auch häufig in sehr abstrakter Form – ideologischer Ausdruck sozialer Widersprüche und Konflikte.

Friedrich Engels machte in der Vorrede zur dritten Auflage von Marx Schrift „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ auf die Entdeckung der Bewegungsgesetze der Geschichte durch Marx aufmerksam

„… wonach alle geschichtlichen Kämpfe, ob sie auf politischem, religiösem, philosophischen oder sonst ideologischem Gebiet vor sich gehen, in der Tat nur der mehr oder weniger deutliche Ausdruck von Kämpfen gesellschaftlicher Klassen sind, und daß die Existenz und damit auch die Kollisionen dieser Klassen wieder bedingt sind durch den Entwicklungsgrad ihrer ökonomischen Lage, durch die Art und Weise ihrer Produktion und ihres dadurch bedingten Austausches“ (MEW, Bd. 21, S.249).

Mit der Entwicklung des Kapitalismus entstand die Arbeiterklasse und entwickelte sich als eigenständige revolutionäre Kraft. Es wurde deutlich, dass die bestehende Gesellschaft abgelöst werden musste. Nur wie und mit welcher Zielstellung?

Die bis dahin existierende Philosophie konnte auf diese Frage keine Antwort geben. Auf der anderen Seite revolutionierte die Entwicklung der Naturwissenschaften das Denken. Die starre, mechanistische Naturauffassung, die unter anderem Entwicklungsprozesse nicht beachtete, wurde aufgebrochen. Auslösendes Moment des Umbruchs war die stürmische Entwicklung der Produktivkräfte. Unter diesen Bedingungen sowie in den Klassenauseinandersetzungen des 19.Jahrhunderts und des beginnenden 20.Jahrhunderts, in den Kämpfen der Arbeiterbewegung gegen Ausbeutung und Krieg entstand in Anknüpfung und in Kritik der bisherigen philosophischen Positionen – vor allem auch der Hegels – und der gesellschaftlichen Verhältnisse die marxistische Philosophie.

Sie ist mein Gegenstand.

Die marxistische Philosophie

  • ist eine sich entwickelnde Wissenschaft, auch wenn sie sich ihrem Gegenstand anders nähert als die Mathematik, als die Natur- oder Gesellschaftswissenschaften;
  • kennt keine außerwissenschaftlichen Erkenntnisse und benutzt Tatsachen nur in ihrem eigenen und in keinem phantastischen Zusammenhang;
  • verfügt über entsprechende wissenschaftliche Methoden zum Erkenntnisgewinn, zur Überprüfung theoretischer Erkenntnisse und zur eventuell notwendigen Korrektur theoretischer Ansätze;
  • Ihre Spezifik besteht darin, dass sie anders als andere philosophische Richtungen die Erkenntnisse anderer Wissenschaften und Erfahrungen des Klassenkampfes über mehrere Schritte verallgemeinert, theoretisch erfasst und dass ihre theoretischen Erkenntnisse über diesen Weg auch in der Praxis überprüfbar sind. Dabei gibt es philosophische Aussagen unterschiedlichen Allgemeinheitsgrades.

Eine allgemeine Definition wurde beispielsweise im 1982 in Berlin erschienenen Lehrbuch „Marxistisch-leninistische Philosophie“ gegeben. Dort heißt es:

Die marxistisch-leninistische „Philosophie legt das allgemeine theoretische und methodische Fundament des Marxismus-Leninismus, und dieses Fundament besteht im konsequentesten, alle Gebiete des Wissens und der menschlichen Praxis umfassender Materialismus in Einheit mit der Dialektik als Theorie der Entwicklung und revolutionäre Denkweise“.

Unter Marxismus-Leninismus verstehen wir die wissenschaftliche Weltanschauung, deren theoretisches Fundament von Marx, Engels und Lenin gelegt wurde.

Wer vor allem pragmatisch orientiert ist und sich von der marxistischen Philosophie unmittelbar Antworten und Hilfe für die Lösung praktischer Aufgaben erwartet, wird oft enttäuscht, wenn er von Philosophen allgemeine und oft sehr abstrakte Antworten erhält. Wer den Nutzen der Philosophie und der Philosophen dann allein an ihrer möglichen praktischen Wirksamkeit misst, der unterschätzt oft die Notwendigkeit theoretischer Arbeit und die Schwierigkeiten, die das Nutzen philosophischen Wissens als Entscheidungshilfe in bestimmten Situationen macht. Wer auf der anderen Seite meint, aus theoretischen philosophischen Aussagen wären direkt politische oder andere praktische Folgerungen für Entscheidungen ableitbar, der irrt ebenfalls.

Die Anforderungen an die marxistische Philosophie schwanken zwischen Forderungen nach praktischer Wirksamkeit und Freude an der Erkenntnis am Lösen theoretischer Probleme. Heute betrifft dies – anders als vor 1989/90 – zumindest in der Bundesrepublik Deutschland allerdings nur ein kleines, bereits politisiertes Spektrum. Anders als früher werden vor allem aus politischem Interesse bei der Suche nach Orientierung Anforderungen an die marxistische Philosophie gestellt.

Ich will den Weg zur Beantwortung der Frage „Was ist, was kann marxistische Philosophie?“ über einen scheinbaren Umweg gehen, denn es scheint mir zunächst nötig zu klären, was eigentlich „Weltanschauung“ bedeutet.

Davor noch einige persönliche Bemerkungen: Sinnfragen haben mich immer interessiert: Was ist der Mensch? Wohin geht der Mensch? Warum können wir Wissen erlangen und Klarheit darüber erhalten? Das waren wichtige Fragen meiner Generation. Wir glaubten, dem Sozialismus/ Kommunismus gehöre die unmittelbare Zukunft und es wird nicht mehr lange dauern, da sind alle Völker befreit. Das hat auch unsere politischen Überzeugungen geprägt.

Ich habe zunächst nach eindeutigen Antworten gesucht, die keine Zweifel zuließen und war sehr ungeduldig, wenn ich von anderen ein „Aber�“ hörte. Später hat sich das gewandelt. Auch weil die Erfahrung zeigte, dass sich durch den bloßen Wunsch ein Wasserglas vom Tisch, auf dem es steht, nicht zum trockenen Mund bewegt. Auch weil die Erfahrung zeigte (später kam die theoretische Bestätigung und noch später waren da die bitteren Erfahrungen von 1989/90), dass Entwicklungsprozesse nicht automatisch und schon gar nicht linear ablaufen, dass es Stagnation gibt und Tendenzbrüche.

Weder Galaxien noch Revolutionen entstehen dadurch, dass man es sich wünscht. Während aber die Entstehung von Galaxien – bislang jedenfalls – nicht von unserem eigenen Tun abhängt, ist das mit der Revolution bekanntlich anders. Und der Sieg der Revolution erfordert weitaus größere und längere Anstrengungen als den Kampf unter entsprechenden Bedingungen zu beginnen.

Das Woher spielte für mich und andere eine größere Rolle und die Frage, was wir aus unserem eigenen Leben machen, was zu tun ist, was man selber tun muss, damit die Welt sich ändert.

Ich habe Physik studiert und in der Philosophie gearbeitet: Zuerst zu erkenntnistheoretischen Fragen und zu Erkenntnismethoden, später haben wir uns sehr direkt mit unseren Positionen eingemischt in die Erarbeitung von Standpunkten gegen imperialistische Kriegspolitik und Hochrüstung. Bei mir haben diese und viele andere Erfahrungen zu einer grundsätzlichen Entscheidung für mein politisches Engagement geführt. Ich bin Kommunistin und werde es bleiben. Das sind nun meine Erfahrungen.

Ich versuche, auf der Grundlage der Positionen meiner Partei, der DKP, die sich auch nach der Niederlage des Sozialismus in Europa von jenem weltanschaulichen Fundament, das durch Marx, Engels, Lenin und andere marxistische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler begründet wurde, nicht verabschiedet hat, und meines eigenen Wissens praktisch wirksam zu werden.

Jede und jeder von Euch weiß, wie schwierig es ist, richtige und gute Positionen weiterzugeben und die Leute heute aus der Lethargie und Resignation in Bewegung und Widerstand zu bringen.

Aber es gibt Veränderungen. Gegen die ständige Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen, die wachsenden Bedrohungen durch Arbeitslosigkeit, Armut, Ausgrenzung und Kriege wenden sich zunehmend mehr Menschen. Allein in der Bundesrepublik Deutschland sind in den letzten Monaten gegen Hartz IV und die Agenda 2010 viele Tausende auf die Straße gegangen. Mehr als 5000 Menschen demonstrierten in Kiel am 25.September für den Erhalt von 3000 Werftarbeitsplätzen. Es gab Auseinandersetzungen bei VW, Proteste gegen Arbeitsplatzabbau und die Schließung von Karstadt-Filialen bei KarstadtQuelle, die mit einem zeitweiligen Kompromiss auf Kosten der Belegschaft endeten. Arbeitsplatzabbau ist ebenso bei Schlecker, Spar sowie der Commerzbank vorgesehen. In Bochum streikten die Opel-Arbeiter tagelang gegen Arbeitsplatzabbau und die mögliche Schließung des Standortes. Am 2.Oktober waren in Berlin Zehntausende bei einer bundesweiten Demonstration gegen den Sozialabbau.

Dass es unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht mehr Gegenwehr gibt, hat viele Ursachen: Wir haben erlebt, dass die so genannten Montagsdemonstrationen, die im August des letzten Jahres vor allem von Ostdeutschland ausgingen, den Protest gegen Hartz IV nicht auf eine breitere Basis stellen konnten. Die zentralen Aktionen am 2. Oktober brachten weit weniger Menschen auf die Straße als ursprünglich gehofft. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

Ich kann hier nur auf ein Problem eingehen: Immer noch prägen Resignation und Orientierungslosigkeit das Verhalten jener, die sich wie die Menschen in Ostdeutschland nach dem Zusammenbruch und der Zerschlagung des Sozialismus plötzlich in einer Gesellschaft wieder fanden, in der viele von ihnen keine Arbeit mehr im erlernten Beruf bekamen oder überhaupt keine Arbeit mehr, in der sie ihre Grundstücke und/ oder die erworbenen Rentenansprüche verloren, politisch verfolgt wurden usw. Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung führen überall zum Verlust subjektiver Widerstandsbereitschaft, zum Verlust des Selbstwertgefühls, zu Resignation. Deshalb bleiben die Proteste noch begrenzt.

Zugleich fehlen häufig klare Vorstellungen über die Tiefe der gesellschaftlichen Krisenentwicklung und über den Charakter einer historischen Alternative.

Aber es besteht die Chance, dass sich in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen das Bewusstsein für die Notwendigkeit eines grundsätzlichen Wandels entwickelt und sich die Perspektive einer besseren Gesellschaft abzeichnet.

Dabei besteht ein Widerspruch, zu dessen Lösung wir beitragen können: Der Widerspruch zwischen Alltagsbewusstsein und notwendiger Einsicht in die gesellschaftlichen Zusammenhänge.

Kommunistinnen und Kommunisten mischen sich ein, wollen dafür sorgen, dass Bewusstsein für die eigene Klassenlage der noch Lohnabhängigen wie der Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger entsteht, dass die Bereitschaft wächst, sich zu organisieren und aktiv zu sein. Ganz offensichtlich ist es dabei nötig, weitergehende Erkenntnisse über gesellschaftliche Zusammenhänge und Widersprüche zu verbreiten.

Schauen wir uns die Zusammenhänge zwischen dem Alltagsbewusstsein und diese notwendige weitergehenden Einsicht einmal etwas genauer an:

Der im 18. Jahrhundert lebende französische Philosoph Rene Descartes meinte einst, nichts sei in dieser Welt besser verteilt als der gesunde Menschenverstand. Damit wollte er sagen, dass sich die Menschen im Alltag, im täglichen Leben, an bestimmte Gewohnheiten und Regeln halten, die sich aus Erfahrungen, geschichtlichen Traditionen, gesellschaftlichen Vereinbarungen und natürlichen Bedürfnissen ergeben. So wissen die Bauern seit eh und je aus Erfahrung, wann die Zeit der Aussaat oder der Ernte gekommen ist (diese Erfahrung wird heute allerdings durch wissenschaftliche Erkenntnisse ergänzt).

Doch der gesunde Menschenverstand – ein durchaus respektabler Geselle, mit dem man innerhalb seiner hausbackenen vier Wände schon auskommen kann, wie Friedrich Engels im „Anti-Dühring“ schrieb – reicht zwar aus, sich im Alltag zurechtzufinden. Aber mehr auch nicht.

Viele Menschen begnügen sich damit und mit den Spezialkenntnissen ihres Berufs oder ihrer Erwerbstätigkeit. Die heutigen Medien sorgen zusätzlich dafür, dass ein enger Bezugsrahmen oft nicht durchbrochen wird – mehr noch: Sie haben eine „Informationswelt“ geschaffen, die dem Einzelnen die Möglichkeit der praktischen Überprüfung kaum noch ermöglicht.

In gesellschaftlichen Situationen wie sie wir gegenwärtig erleben, folgt daraus oft eine allgemeine Rat- und Orientierungslosigkeit.

Die Folge ist: Anpassung an das Gegebene. Nichts mehr wird hinterfragt oder man resigniert, weil scheinbar nichts zu ändern ist. Der Mensch wird manipulier- und instrumentalisierbar. Oder es wird spontan gehandelt.

Die schlimmsten Resultate einer solchen Entwicklung sind die Wahl faschistischer Parteien und der dumpfe Rassismus und Antisemitismus in Teilen der bundesdeutschen Bevölkerung. Das schlägt immer öfter um in brutale, menschenverachtende Gewalt.

Das Alltagsbewusstsein reicht nicht, wenn man den Dingen in dieser kapitalistischen Gesellschaft auf den Grund geht, wenn man aus der Rat- und Orientierungslosigkeit ausbrechen und organisiert und Ziel gerichtet Handeln will.

Damit dies möglich wird, muss man die Welt genauer betrachten, analysieren, anschauen.

Damit komme ich zu einem 1.Punkt. Ich muss in diesem Zusammenhang einige Begriffe unterscheiden:

1. Begriffsklärung: Weltanschauung/ Weltbild/ Weltmodell

Ein Mensch, der verstehen will, was in dieser Welt vor sich geht, der das Wesen gesellschaftlicher Prozesse, der in der Welt vor sich gehenden Veränderungen, die Widersprüche begreifen und selbst in sozialen und politischen Bewegungen aktiv werden und mit ihnen diese Gesellschaft verändern will, braucht mehr als Alltagserfahrung. Der so genannte gesunde Menschenverstand reicht nicht aus, um sich in der Gesellschaft, in einer immer komplexer strukturierten Welt, die sich in steter Veränderung befindet, zurechtzufinden.

Aber auch das Studium einer Spezialwissenschaft hilft dabei nur bedingt weiter. Ob man nun Physik, Molekularbiologie, Psychologie, Sprachwissenschaft usw. studiert oder studiert hat. All diese Wissenschaften sind immer nur imstande, uns Erkenntnisse über einen Teilbereich der Natur, der Gesellschaft, eines Teilbereichs der Ökonomie dieser Gesellschaft oder über einen besonderen Aspekt des Denkens zu ermöglichen. Wenn es sich um Vorgänge wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, das Wachstum der Pflanzen und Tiere, die Anatomie und Physiologie des Menschen oder betriebs- bzw. volkswirtschaftliche Aspekte handelt, so können wir bei den Natur- , Geistes-, Gesellschafts- oder ökonomischen Wissenschaften Rat holen.

Auf die Frage nach übergreifenden Zusammenhängen in Natur, Gesellschaft und Denken, nach allgemeinen Gesetzmäßigkeiten, danach, von welchen Idealen und Werten sich der Mensch in seinem Handeln leiten lassen soll, können diese Spezial- oder Einzelwissenschaften jedoch keine Antworten geben.

Und wenn es gar um Fragen geht, wie sie 1897 der Maler Gauguin formulierte:

„Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?“,

müssen sie endgültig passen, obgleich sie für entsprechende Antworten unbedingt notwendig sind, viele Voraussetzungen, Grundlagen, Wissen für ihre Beantwortung liefern. Übrigens hatte Gauguin die genannten Fragen als Titel eines seiner Bilder gewählt.

Der nun wirklich nicht des Kommunismus verdächtige Humanist und Physiker Albert Einstein bemerkte einmal sehr zutreffend:

„Es ist nicht genug, den Menschen ein Spezialfach zu lehren. Dadurch wird er zwar zu einer Art benutzbarer Maschine, aber nicht zu einer vollwertigen Persönlichkeit. Es kommt darauf an, dass er ein lebendiges Gefühl dafür bekommt, was zu erstreben wert ist. Er muss einen lebendigen Sinn dafür bekommen, was schön und moralisch gut ist. Sonst gleicht er mit seiner spezialisierten Fachkenntnis mehr einem wohlabgerichteten Hund als einem harmonisch entwickelten Geschöpf“.

Also braucht man auch nach seiner Meinung mehr als die Alltagserkenntnis und/ oder spezialwissenschaftlichen Erkenntnissen, um eine Orientierung in der Welt zu finden, um allgemeine Zusammenhänge zu erfassen und auf der Grundlage dieser Erkenntnisse zu handeln.

Orientierungen und Antworten auf Grundfragen, wie sie der Maler Gauguin stellte, geben so genannte Weltanschauungen.

Weltanschauung heißt zunächst nichts anderes als: Die Welt anschauen, Fragen über allgemeine Zusammenhänge und Entwicklungen stellen, Antworten suchen, um sich in ihr zurechtzufinden und entsprechend zu agieren.

Nun gibt es Auffassungen über die Welt auf sehr verschiedenen Ebenen.

Deshalb müssen wir zunächst Begriffe klären: Wir müssen nämlich zwischen Weltanschauungen, Weltbildern und Weltmodellen unterscheiden.

Ich will kurz auf ihre Unterschiede eingehen.

Fritz Mauthner schrieb in diesem Zusammenhang in seinem „Wörterbuch der Philosophie“:

„Wenn wir im Deutschen einem konkreten oder abstrakten Begriff die vier Buchstaben Welt- voransetzen, so denken wir uns dabei nicht immer dasselbe; nicht einmal immer etwa Großes“. Mit dem Begriff „Weltanschauung“ ist aber in der deutschen Sprache tatsächlich eine umfassendere Sicht auf die Welt, unseren Planeten wie das Universum gemeint.

Die Auffassungen, was Menschen unter „Welt“ verstehen, haben sich mit dem Erkenntnisfortschritt und der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft gewandelt und erweitert. Die Welt der Antike hatte klare Bestimmungen: Hier beginnt die Welt der Götter, die dem gewöhnlichen Sterblichen nicht zugänglich ist. Allerdings gab es schon unterschiedliche Auffassungen darüber, ob die Welt der Menschen veränderlich ist oder nicht. Im Alltagsbewusstsein spielte dies jedoch noch keine Rolle, nur in den Diskussionen und Schriften der Philosophen.

Später war beispielsweise für russische Bauern die Welt (MIR) der Ort, zu dem man gehen, ziehen kann. Das heißt, diese „Welt“ war sehr begrenzt. Ähnlich war dies in anderen Kulturen. Jene, die Handel trieben, hatten über die Welt schon andere Auffassungen als Sklaven, Leibeigene oder Bauern.

Und die Astronomen sahen die „Welt“ nun wieder ganz anders als die Pfaffen oder Händler. Naturwissenschaft, Philosophie und ideologische Deutung der Erkenntnisse lagen damals noch sehr eng beisammen. Ich möchte hier an die Weltmodelle des Ptolemäus oder des Kopernikus erinnern, die den Versuch darstellten, die Stellung unseres Planeten im Universum zu bestimmen. Kopernikus rückte die Erde aus dem Zentrum. Sie konnte nunmehr begriffen werden als Stern unter Sternen. Ein ideologisches Weltgebäude kam ins Wanken. Die katholische Kirche verfolgte seine Nachfolger: Giordano Bruno, der die Frage nach der Vielheit der belebten Welten stellte, Galileo Galilei, der vier Monde des Jupiters entdeckte und mehr als andere vor ihm die Richtigkeit der Kopernikanischen Vorstellungen bestätigen konnte.

Wie viel die Vorstellungen von unserer Welt mit Herrschaft zu tun hatten und haben, wird meines Erachtens auch deutlich, wenn man die Vorstellungen von der Welt unter den Menschen des europäischen Mittelalters betrachtet. Die Herrschenden hatten andere Möglichkeiten als die unterdrückten Bauern und Leibeigenen. Durch Handel, Diplomatie und Kriege hatte man Kontakt mit fernen Ländern. Methoden der Zeitmessung waren verbreitet. Und die Welt endete nicht an den Grenzen des Fürstentums oder der Grafschaft. Die Kirchenoberen ließen im Interesse der Herrschaft der Kirche und des Adels durch ihre Mönche die überlieferten Schriften hüten und bewahren. Sie bestimmten aber auch, was davon über die Grenzen der Klöster hinaus verbreitet werden durfte.

So jedenfalls beschreibt Gurjewitsch in seinem Buch „Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen“ die damalige Situation. Für die einfachen Bauern und die Leibeigenen galt, fast wie in den Jahrhunderten der Klassengesellschaft zuvor: Ihre Zeitrechnung richtete sich nach der Abfolge der Jahreszeiten und der in diesem Zusammenhang notwendigen landwirtschaftlichen Verrichtungen. Ihre Welt war ihr Dorf, reichte vielleicht noch bis zur nächsten Stadt. Sie waren eingebunden in bestimmte Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse, die ihr Leben bestimmten. Und daraus konnten sie nur selten ausbrechen. Dies prägte nicht nur ihr Alltagsbewusstsein sondern auch ihre Anschauung von der Welt insgesamt, ihre Weltanschauung.

Später kam zur Vielfalt der Bezüge noch einer hinzu: Man sprach auch von der „Gedankenwelt“ oder „inneren Welt“ des Menschen.

Mit der kapitalistischen Gesellschaft kam die Zeit, in der der ganze Erdball zur „Welt“ wurde. Wissenschaft und Technik haben dazu beigetragen, die Sicht auf die Welt weiter zu verändern.

Das hatte Auswirkungen auf die wissenschaftliche Sicht, was „Welt“ ist. Wissenschaftliche Weltmodelle wurden entwickelt: Durch Astronomen, Kosmologen, Klimaforscher, Ökonomen, Systemtheoretiker und andere. Ehe ich mich näher damit beschäftige, was Weltanschauung ist, möchte ich zunächst die verschiedenen Begriffe erklären:

Erstens: Unter einem Weltbild versteht man in der Regel die Zusammenfassung von theoretischen und praktischen Erkenntnissen einer Einzelwissenschaft zu einem relativ geschlossenen, den jeweils in dieser Wissenschaft erreichten Erkenntnisstand widerspiegelnden Bild.

Es gab beispielsweise einmal ein Weltbild der Physik, das ausschließlich auf der klassischen Mechanik Newtonscher Prägung basierte. Das heißt die Physiker jener Zeit versuchten, die Welt vor allem aus den Grundlagen dieser Mechanik aus der Bewegung kleiner mechanischer Teilchen zu erklären. Selbst in der Physik stieß dieses Herangehen im 19. Jahrhundert sehr schnell auf Grenzen.

Danach folgte eine Weltbild, das Thermo- und Elektrodynamik mit zu integrieren versuchte. Als man die Welt der Atome, der Elektronen, Protonen und Neutronen zu erklären begann, stellte sich bald heraus, dass auch dieses Weltbild des ausgehenden 19. Jahrhunderts keinen Bestand hatte. Heute zeigt sich in diesem Bereich eher eine „Einheit“ des Weltbildes in der Vielfalt der dazu beitragenden Theorien und Modelle.

Man kann eben die Welt nicht durch die Bewegung kleiner Teile mechanisch erklären! Aber auch nicht thermodynamisch, elektrodynamisch oder durch die Gesetze der Quantenphysik. Sie ist auch nur in Ansätzen, teilweise erklärbar, wenn man die heute erkannten physikalischen, chemischen oder biologischen Gesetzmäßigkeiten berücksichtigt.

Zweitens: Weltmodelle haben dagegen eine ganz andere Funktion. Sie sind gedankliche (bzw. per Computer umgesetzte) Reproduktionen über bestimmte einzelwissenschaftliche Vorstellungen von unserer Erde oder dem Universum.

„Weltmodelle“ über ökonomische, soziale und ökologische Prozesse auf unserem Planeten können dabei schon sehr umfangreich werden und sind oft selbst mit Mitteln der heutigen elektronischen Datenverarbeitung nur schwer erfassbar.

Drittens: Weltanschauungen sind dagegen Systeme von Antworten auf allgemein Grundfragen, die die menschliche Existenz berühren. Eine Weltanschauung ist ein System von Antworten auf Grundfragen, die mit der Erkenntnis der Welt, dem Sinn menschlicher Existenz und der Veränderbarkeit der Welt zu tun haben. Sie muss ein ganzes System von Ansichten, Vorstellungen über Natur und Gesellschaft vermitteln.

Weltbilder wie Weltmodelle können zu den theoretischen Voraussetzungen von Weltanschauungen gehören. In Weltanschauungen fließen – mehr oder weniger – philosophische, ökonomische, gesellschaftspolitische, ethische, ästhetische und naturwissenschaftliche Anschauungen, Traditionen und die praktischen Erfahrungen der Menschen einer Epoche ein. Weltanschauungen finden dabei ihre Basis in Abhängigkeit von der sozialen Stellung von Menschen in einer Gesellschaft, also den Interessen sozialer Klassen und Schichten. Traditionen, historische Umstände – die wir in ihrer Gesamtheit (Ökonomie, Innen- und Außenpolitik, staatliche Institutionen und Repressionen, Recht, Kunst, Wissenschaft, Bildung, Einfluss religiöser Institutionen usw. usf.) sehen und in ihren Wechselwirkungen berücksichtigen müssen – spielen eine Rolle.

2. Welche Weltanschauungen unterscheiden wir?

Weltanschauung müssen danach bewertet werden, ob sie Wissenschaften und ihren Entwicklungsstand einbeziehen. Sie werden beeinflusst durch Religionen oder werden durch sie nicht beeinflusst.

  • Es gibt ursprüngliche, naive Vorstellungen von der Welt, die die Existenz von Natur und Gesellschaft anerkennen, ohne ihr Wesen und ihre Gesetzmäßigkeiten zu erfassen.
  • Es gibt religiöse Weltanschauungen, die auf unterschiedlicher Grundlage auf dem Glauben an das Wirken und Walten überirdischer Wesen bzw. eines Weltgeistes beruhen.
  • Andere Weltanschauungen wieder sind völlig von Pessimismus durchdrungen und predigen die Ohnmacht des Menschen gegenüber den Geschehnissen in Natur und Gesellschaft. Für viele Menschen – selbst noch im scheinbar so aufgeklärten 20. und am Beginn des 21. Jahrhunderts – gibt es angeblich ein Schicksal, dem man nicht entgehen kann.
  • Eine Weltanschauung, die sich dagegen auf wissenschaftliche Grundlagen stützt, muss die Ergebnisse der verschiedenen Wissenschaften verarbeiten, religiöse Dogmen ablehnen, ohne den eventuellen humanistischen Grundgehalt bestimmter Religionen zu negieren. Sie muss Erfahrungen der gesellschaftlichen Praxis verarbeiten, verallgemeinern und daraus Folgerungen ziehen. Solche Weltanschauungen agieren auf materialistischer Grundlage. Der Marxismus-Leninismus ist eine solche wissenschaftliche Weltanschauung.

Natürlich werden allgemeine weltanschauliche Aussagen von den einzelnen Menschen ganz unterschiedlich reflektiert und umgesetzt. Das hängt von vielen Umständen ab: Von dem sozialen Milieu, in dem der oder die Betreffende aufwachsen, von der Erziehung in Elternhaus und Schule, dem Freundeskreis, von persönlichen Neigungen, sich mit bestimmten Problemen zu beschäftigen oder nicht, ob man sich Konflikten in der Gesellschaft stellt, sich mit ihnen auseinandersetzt.

Der bereits erwähnte Fritz Mauthner verweist darauf, dass der Begriff „Welt“ in verschiedenen Zusammenhängen auftaucht und verweist auf Weltall, Weltgeschichte, Weltbürgertum usw. Er bemerkt in diesem Zusammenhang:

„Von all diesen Worten ist gegenwärtig keines so im Schwange wie: Weltanschauung. Der müßte schon ein ganz armseliger Tropf sein, der heutzutage nicht seine eigene Weltanschauung hätte“.

So extrem, wie es Mauthner behauptet, ist es natürlich nicht. Es gibt nicht so viele Weltanschauungen wie es Menschen gibt.

Man könnte also davon sprechen, dass der Einzelne jene Weltanschauung, für die er sich eventuell entschieden hat oder die ihn wesentlich beeinflusst, sehr individuell verarbeitet und vertritt. Man muss also meines Erachtens zwischen der theoretischen Weltanschauung, der tatsächlich unter entsprechenden gesellschaftlichen Bedingungen durch bestimmte Klassen, Schichten bzw. ihre Interessen vertretende Organisationen, Institutionen bzw. Personen praktizierten und der individuellen Weltanschauung differenzieren.

Das Individuum verarbeitet die allgemeinen Aussagen einer Weltanschauung aufgrund seiner sozialen Stellung, der überlieferten Traditionen, der konkreten persönlichen und gesellschaftlichen Situation, der Erfahrungen aus dem „Erleben“ der praktizierten Weltanschauung durch staatliche Institutionen, Parteien oder Organisationen usw. auf sehr unterschiedliche Weise und zieht daraus Folgerungen für persönliches Handeln auf seine Weise. Dabei sind Gemeinsamkeiten mit anderen möglich, die dazu führen können, dass man sich auf der Grundlage übereinstimmender Grundauffassungen organisiert um bestimmte Interessen zu vertreten, obgleich man in Einzelfragen unterschiedlicher Meinung sein kann.

Weltanschauliche Unterschiede können sich andererseits in gegensätzlichen, ja unvereinbaren politischen und sozialen Bewegungen äußern. Nicht notwendig führen sie aber stets dazu, dass aufgrund weltanschaulicher Unterschiede keine Gemeinsamkeiten entstehen können.

Das betrifft heute den Kampf gegen Krieg und Militarisierung der Gesellschaft ebenso wie gegen die Agenda 2010 und andere Maßnahmen zum Sozial- und Demokratieabbau, in denen Kommunistinnen und Kommunisten dafür eintreten, breite Bündnisse zu schaffen, die Menschen unterschiedlicher weltanschaulicher Orientierung umfassen.

3. Was sind weltanschauliche Grundfragen?

Es geht in erster Linie um die Fragen:

„Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?“

Der deutsche idealistische Philosoph Immanuel Kant meinte in seiner Schrift „Die Kritik der reinen Vernunft“:

„Alles Interesse meiner Vernunft (das spekulative sowohl, als das praktische) vereinigt sich in folgenden drei Fragen: 1. Was kann ich wissen? 2. Was soll ich tun? 3. Was darf ich hoffen?“

Für ihn war die erste Frage spekulativ, die zweite praktisch und die dritte praktisch als Leitfaden zur Beantwortung der ersten und zweiten Frage.

Aus heutiger Sicht geht es vor allem um Frage nach dem Ursprung und die Frage nach der Weise der Existenz der Welt, nach dem Ursprung des Menschen und seiner Rolle in dieser Welt, nach der Quelle der Erkenntnis menschlichen Wissens, nach den Möglichkeiten der Veränderbarkeit der Welt durch den Menschen.

Es gibt Grundfragen und solche, die davon abgeleitet sind. Die Antworten darauf hängen grundsätzlich von den philosophischen Grundpositionen, die die theoretische Grundlage einer Weltanschauung bilden ab.

Weltanschauliche Grundfragen sind aus marxistischer Sicht:

  • die Frage nach dem Ursprung, der Existenzweise und der Entwicklung der Welt
  • die Frage nach der Quelle des Wissens
  • die Frage nach der Stellung des Menschen in der Welt
  • die Frage nach dem Sinne des Lebens
  • die Frage nach dem Charakter des gesellschaftlichen Fortschritts

Für Engels gründet sich die materialistische Weltanschauung darauf,

„… die wirkliche Welt – Natur und Geschichte – so aufzufassen, wie sie sich selbst einem jeden gibt, der ohne vorgefaßte idealistische Schrullen an sie herantritt: man entschloß sich, jede idealistische Schrulle unbarmherzig zum Opfer zu bringen, die sich mit den in ihrem eigenen Zusammenhang, und in keinem phantastischen, aufgefaßten Tatsachen nicht in Einklang bringen ließ“.

Im Rahmen unserer wissenschaftlichen Weltanschauung lauten bestimmte Grundantworten, die anhand der gesellschaftlichen Praxis unzählige Male überprüft sind:

  • die materielle Einheit der Welt schließt einen ideellen Ursprung der Welt aus. Diese Welt existiert als Gesamtheit materieller Objekte und Prozesse, die durch ihren Zusammenhang mit anderen Objekten und Prozessen bedingt und bestimmt sind, sich verändern und entwickeln;
  • Quelle unseres Wissen ist die außerhalb und unabhängig von unserem Bewusstsein existierende objektive Realität, die vom Menschen erkannt werden kann und wird;
  • die Stellung des Menschen in der Welt wird dadurch bestimmt, dass das menschliche Wesen ein Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse ist und die bestimmenden Verhältnisse die materiellen Produktionsverhältnisse sind;
  • der Sinn des Lebens muss konkret-historisch in Abhängigkeit vom Charakter der Epoche der gesellschaftlichen Entwicklung bestimmt werden;
  • der gesellschaftliche Fortschritt, die gesellschaftliche Entwicklung erfolgt nach dem Gesetz der notwendigen Übereinstimmung der Produktionsverhältnisse mit dem Charakter der Produktivkräfte. Die Gesamtheit wesentlicher Produktionsverhältnisse bestimmt den Charakter einer Gesellschaftsformation. Ihr Entwicklungsstand ist daran zu messen, inwieweit die Menschen im Rahmen der Gesellschaft ihre eigenen Verhältnisse bestimmen, sich frei entfalten und entwickeln können, oder ob sie mehrheitlich nur Objekts des Agierens der herrschenden Klasse sind.
  • Die kapitalistische Gesellschaft wird in einem historischen Prozess durch eine Gesellschaft abgelöst, in der letztlich die freie Entwicklung des Einzelnen Voraussetzung für die freie Entwicklung aller ist. Ein sorgsamer Umgang mit der Natur muss gesichert sein. Diese Gesellschaft wird eine klassenlose Gesellschaft sein. Auf dem Weg zu ihr wird es verschiedene Wege und Übergangsformen geben.
  • Ist dieser Weg nicht gangbar, dann steht als einzige Alternative für die Menschheit der Untergang bzw. die Barbarei.

Daraus ergeben sich Schlussfolgerungen – meinethalben auch „Regeln“ – für das Handeln von Menschen in bestimmten gesellschaftlichen Situationen.

Die Antworten helfen also bei der Orientierung in der Welt, zugleich lassen sich daraus Folgerungen für das Verhalten, für das Handeln von Menschen in der gesellschaftlichen Praxis ableiten.

Diese Antworten sind natürlich keine ewigen Wahrheiten. Ich gebe zu, dass gerade die letzten Punkte vor mehr als einem Dutzend Jahren durch uns noch anders beantwortet wurden.

Marx und Engels, die den Marxismus als Weltanschauung begründeten, aber auch Lenin und andere Marxisten waren immer auch Suchende. Sie haben sich sehr streng an wissenschaftliche Kriterien bei ihrer Betrachtung der Welt, der politischen ökonomischen Verhältnisse, der Natur und des Denkens gehalten. Vor allem Marx und Engels haben immer neue Erkenntnisse in anderen Wissenschaften berücksichtigt, aber natürlich nicht alles gekannt, was in ihrer Zeit schon an Erkenntnissen vorhanden war. Das hängt auch damit zusammen, dass der Austausch von Erkenntnissen damals nicht mit jener Geschwindigkeit geschehen konnte, die uns heute moderne Kommunikationsmittel ermöglichen.

Politische Ereignisse und neue ökonomische Entwicklungen wurden von ihnen stets aufs Neue verarbeitet. Das heißt, wenn sich jemand vorstellt, dass der Marxismus von ihnen als ein Kanon feststehender Glaubensgrundsätze begründet wurde, dass er sich lernen lässt wie die Verse in der Bibel oder im Koran, der ist nicht nur auf dem Holzweg.

Der Marxismus ist die weltanschauliche Grundlage der Politik kommunistischer Parteien. Theoretische Grundlage der wissenschaftlichen Weltanschauung ist die marxistisch-leninistische Philosophie.

4. Die marxistisch-leninistische Philosophie als theoretische Grundlage der wissenschaftlichen Weltanschauung

Dem heutigen Inhalt nach ist Philosophie ein theoretisch begründetes System von Anschauungen über die Welt, ihre Entwicklung, ihre Gesetzmäßigkeiten, über die Stellung des Menschen in der Welt sowie seine Möglichkeiten, die Welt zu erkennen und zu verändern.

Wie sie das tut, ist bedingt durch den theoretischen Ausgangspunkt derjenigen, die Philosophie betreiben, ist letztlich aber immer abhängig von praktischen und theoretischen Interessen gesellschaftlicher Klassen.

Das heißt Philosophie richtet ihre Untersuchung auf die allgemeinen Zusammenhänge und Eigenschaften der Welt und aller Erscheinungen, auf die allgemeine Natur des Menschen und seiner Fähigkeiten, auf das Verhältnis des Menschen zur Welt. Die Antworten, die unterschiedliche philosophische Richtungen in diesem Zusammenhang finden, können sich aber wesentlich unterscheiden.

Eine wissenschaftliche Philosophie gibt Antworten auf weltanschauliche Grundfragen auf wissenschaftlicher Grundlage. Sie arbeitet sie theoretisch aus und beweist sie. Dabei unterwirft sie sich dem Praxiskriterium als Kriterium der Wahrheit. Sie kennt keinen außerwissenschaftlichen Erkenntnisweg und benutzt Tatsachen nur in ihrem eigenen und in keinem phantastischen Zusammenhang.

Die marxistische Philosophie ist – das habe ich bereits zu Beginn meiner Ausführungen hervorgehoben – eine solche wissenschaftliche Philosophie. Sie ist – kurz gefasst – die Wissenschaft von den allgemeinsten Beziehungen (Struktur-, Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen) in Natur, Gesellschaft und Denken.

Sie ist – im Gegensatz zu vielen anderen philosophischen Strömungen in Vergangenheit und Gegenwart -nicht von den anderen Wissenschaften isoliert. Sie verallgemeinert ihre Erkenntnisse und fasst sie in Begriffe und Aussagen unterschiedlichen Allgemeinheitsgrades. Sie berücksichtigt die Erfahrungen des Handelns von Menschen, vor allem die Erfahrungen von Klassenkämpfen.

Die marxistische Philosophie versucht jedoch im Unterschied zu den verschiedenen Wissenschaften, die sich mit bestimmten Teilbereichen der Welt befassen, die Welt als Ganzes denkend zu erfassen und so eine umfassende Weltanschauung zu entwickeln. Dabei unterscheidet sie sich von anderen Wissenschaften (wie z.B. der Mathematik), die ebenfalls darauf gerichtet sind, die Welt „als Ganzes“ zu untersuchen dadurch, dass sie in erster Linie auf Sinnfragen orientiert.

Grundprinzipien der marxistisch-leninistischen Philosophie sind:

  • der philosophische Materialismus
  • die materialistische Dialektik
  • der historische Materialismus

Materialismus und Dialektik bedeuten verkürzt, die Welt in ihren eigenen Zusammenhängen zu betrachten, in der unendlichen Verschlingung von Wechselwirkungen, in ihrer Unerschöpflichkeit, ihren Zusammenhängen, in ihrer Widersprüchlichkeit, Veränderung und Entwicklung. All dies wird in einem Erkenntnisprozess, der selbst widerspruchsvoll ist durch den Menschen widergespiegelt und in Begriffe sowie Theorien gefasst. Der historische Materialismus bedeutet die Ausdehnung, Anwendung des dialektischen Materialismus als Theorie und Methode auf das Gebiet des gesellschaftlichen Lebens und die Geschichte der Gesellschaft. Daraus ergeben sich Folgerungen für den Kampf der Abeiterbewegung um soziale und politische Grundrechte, um eine gesellschaftliche Alternative.

Der philosophische Materialismus beinhaltet

  • Die Anerkennung des Primats der Materie gegenüber dem Bewusstsein (naturhistorisch, erkenntnistheoretisch) wie sie vor allem in der Grundfrage der Philosophie zum Ausdruck kommt;
  • Die Anerkennung der materiellen Einheit der Welt, d.h. der materielle Zusammenhang ist nicht durchbrochen;
  • Die Anerkennung der Existenz objektiver Gesetze, ihrer Existenz- und Begleitbedingungen in Natur und Gesellschaft, die erkannt und im Handeln der Menschen berücksichtigt werden können;

Die materialistische Dialektik umfasst

  • Die Anerkennung des objektiven Zusammenhangs;
  • Die Anerkennung der Bewegung und Entwicklung in Natur, Gesellschaft und Denken auf der Grundlage von dialektischen Widersprüchen, Übergängen von einer Qualität zur anderen und Übergängen von einer Qualität zur höheren gemäß der Negation der Negation;

Der historische Materialismus bedeutet

  • Die Anerkennung der Produktionsverhältnisse als die bestimmenden gesellschaftlichen Verhältnisse;
  • Die Erkenntnis von gesellschaftlicher (ökonomischer) Basis und Überbau sowie ihrer Wechselbeziehungen:
  • Die Anerkennung von Politik als konzentriertem Ausdruck der Ökonomie (verbunden mit Klassen und Klasseninteressen);
  • Das Begreifen der Geschichte als einer Geschichte von Klassenkämpfen;
  • Das Ziel der Errichtung der klassenlosen Gesellschaft.

Diese Grundprinzipien kann ich hier nur nennen. Jedes Thema würde lange Ausführungen erfordern. So kann es sein, dass die Kürze als Verkürzung erscheint. Dahinter stehen jedoch eine Vielzahl von wissenschaftlichen Aussagen und Begründungen. Damit wird eine Vertiefung und ständige Erweiterung der eigenen Kenntnisse notwendig.

Welche Aufgabe hat nun die marxistische Philosophie? Was die anderen Wissenschaften oder gar die Politik betrifft, so kann sie die Einen wie das Andere nicht „ersetzen“ oder gar „Rezepte“ für erfolgreiche Forschungen bzw. wirksame Politik aufzeigen. Ihre Aufgabe besteht darin,

  • weltanschaulich orientierend zu wirken und im Zusammenhang mit der politischen Ökonomie und dem wissenschaftlichen Sozialismus die wissenschaftliche Weltanschauung weiter zu entwickeln;
  • Anstöße für Fragestellungen und Ideen bzw. deren Übertragung auf andere Bereiche des Wissens geben;
  • Begriffe, Untersuchungsmethoden, Herangehensweisen an die Lösung praktischer Fragen kritisieren usw.
  • theoretische Grundlagen für die Entstehung von Wertungen, Motiven, für Entscheidungsprozesse schaffen bzw. – vermittelt – Einfluss auf das Verhalten von Menschen haben.

Deshalb unterscheiden wir zwischen der weltanschaulichen, der erkenntnistheoretischen und der ideologischen Funktion der marxistischen Philosophie. In der marxistischen Forschung wurde auch über die methodologisch-heuristische Funktion unserer Philosophie debattiert – aber nur im Sinne von „Anstöße geben“ für das Denken und die Forschungsarbeit in anderen Wissenschaften. Rezepte für erfolgreiche natur- oder beispielsweise sozialwissenschaftliche Forschung oder erfolgreiches politisches Handeln kann Philosophie nicht geben.

Von besonderem Interesse für unser Thema ist die ideologische Funktion der marxistischen Philosophie. Dabei geht es darum, dass die wissenschaftliche Weltanschauung nicht nur Widerspiegelung objektiver Realität, sondern zugleich Programm revolutionärer Weltveränderung ist. Lenin verwies darauf,

„dass es ohne revolutionäre Theorie auch keine revolutionäre Bewegung geben kann“ (LW, Bd.2, S.346).

Sie wird damit zur wissenschaftlichen Ideologie, einer Ideologie, die auf die Umgestaltung der Gesellschaft und den Übergang vom Kapitalismus zu einer von Ausbeutung befreiten Gesellschaft orientiert.
Maß für die Wirksamkeit von Ideologie ist ihr Einfluss auf das Handeln der Menschen. Das ist nicht identisch mit ihrer Wahrheit. Jedoch für eine wissenschaftliche Ideologie sind Wahrheit und Wirksamkeit nicht getrennt bzw. nicht trennbar.

Dabei hängt die praktische Wirksamkeit der Philosophie nach Herbert Hörz davon ab, was Philosophen können. Es geht vor allem darum Lebens- und Entscheidungshilfe zu geben (H.Hörz: Was kann Philosophie. Berlin1986). Um Lebens- und Entscheidungshilfe geben zu können ist es notwendig, die theoretische Arbeit und die der Praxis erworbenen Erkenntnisse allgemeiner Einwicklungsgesetze

„mit der Analyse konkret-historischer Situationen, die globale Sicht mit der Detailtreue, die schonungslose Aufdeckung der Wahrheit mit dem Optimismus für die Überwindung von Schwierigkeiten, die Sachlichkeit des Wissenschaftlers mit der Leidenschaft des Revolutionärs“ (ebenda, S.213)

zu verbinden.

Das ist die eine Seite. Wie die Erfahrung zeigt, war und ist es nötig, dass sich Kommunistinnen und Kommunisten nicht nur auf die bestehenden theoretischen Grundlagen unserer marxistischen Weltanschauung berufen. Notwendig ist es, die eigene Position kritisch zu überprüfen, das eigene Wissen ständig zu vertiefen, also kontinuierlich marxistische Bildungsarbeit in der Partei durchzuführen, und aufgrund der Analyse neuer Entwicklungen auch zu entsprechenden neuen Erkenntnissen zu kommen ohne Grundpositionen aufzugeben – also theoretisch auch außerhalb von Wissenschaftsinstituten weiter zu arbeiten. Das ist eine Aufgabe der ganzen Partei. Nur so ist es möglich, den kommunistischen Charakter der Partei in Theorie und Praxis zu erhalten.

Andererseits müssen wir verstärkt Anstrengungen unternehmen, entsprechend unserer – beschränkten – Möglichkeiten marxistisches Denken in der Gesellschaft – vor allem in der Arbeiterbewegung und unter der Jugend – zu verbreiten und über den Sozialismus als notwendige gesellschaftliche Alternative zum Kapitalismus aufklären.
Damit leisten wir – neben der praktischen Arbeit – unseren Beitrag, damit aus den heutigen Auseinandersetzungen die Bewegung – vor allem über die organisierte Arbeiterbewegung – wächst, die in der Lage ist, die Verhältnisse aufzubrechen und den Weg zu einer gesellschaftlichen Alternative zu öffnen.

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