Ende 2007 erschienen die Ergebnisse der 2006 vom IHS im Auftrag des BMWF durchgeführten Studie zur sozialen Lage der Studierenden an Österreichs Universitäten.[1] Es sollen hier nur einige interessante Aspekte herausgegriffen werden, um die Probleme, die die meisten von uns kennen mit Zahlen zu belegen und die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

Soziale Herkunft: Weniger Studierende aus „bildungsfernen“ Schichten

Unter den StudienanfängerInnen sind die sogenannten bildungsfernen Schichten stark unterrepräsentiert. Während zwei Drittel der Männer der Vätergeneration [2] über einen Pflichtschul- oder Lehrabschluss verfügen, gilt dies nur für ein Drittel der Väter von StudienanfängerInnen. Umgekehrt haben die Väter von StudienanfängerInnen doppelt so oft eine universitäre Ausbildung abgeschlossen wie Männer der Vätergeneration. An Universitäten beträgt diese Überrepräsentanz das 2,5fache, an FHs ist sie mit dem „nur“ 1,5fachen deutlich geringer. Bei den Müttern von StudienanfängerInnen stellen sich die Relationen ähnlich dar. Mütter von StudienanfängerInnen haben mehr als doppelt so oft einen universitären Abschluss wie die Mütter der Vergleichsgeneration. Was den Beruf der Eltern anlangt, sind 9,1 Prozent der Väter der StudienanfängerInnen Arbeiter gegenüber 30,1 Prozent in der Vätergeneration, bei den Müttern liegen die Anteile mit 4,5 bzw. 24,6 Prozent relativ noch extremer auseinander.

Bei den Studierenden insgesamt ist der Anteil aus niedrigeren sozialen Schicht [3] zurückgegangen, ob dies an kürzeren Studiendauern oder schnelleren Studienabbrüchen liegt, kann aus dem Datenmaterial nicht herausgelesen werden.

Studienhindernis: Arbeiten um zu überleben

Unter den jüngeren Studierenden werden vor allem überfüllte Hörsäle und Informationsdefizite als das Studium beeinträchtigende Faktoren genannt, mit zunehmendem Alter vermehren und verschieben sich die Studienhindernisse hin zu finanziellen Schwierigkeiten und zu Vereinbarkeitsproblemen mit einer Erwerbstätigkeit.

In den Kategorien „überfüllte Hörsäle“ und „kein Platz in der LV“ zählen die Uni Wien und die MedUni Wien zu den „Spitzenreitern“ 35,8 Prozent der Studierenden an der Uni Wien und 35,4 Prozent derer an der MedUni Wien meinen, dass überfüllte Hörsäle ein Studienhindernis an ihren Unis darstellen (MedUni Innsbruck: 38,6 Prozent). Keinen Platz in einer LV zu bekommen sehen 29,5 Prozent an der MedUni Wien und 25,9 Prozent an der Uni Wien als Studienhindernis (MedUni Graz: 31,8 Prozent und Uni Graz: 30,3 Prozent).

Die oben angesprochene Erwerbstätigkeit verdeutlicht laut den AutorInnen der Studie (Unger, Wroblewski) wahrscheinlich am anschaulichsten die Heterogenität der Studierendenschaft. 42 Prozent der Studierenden sind während des Semesters voll und weitere 18 Prozent gelegentlich erwerbstätig. Von den restlichen 40,2 Prozent waren aber 60 Prozent während der letzten 12 Monate in den Ferien erwerbstätig. Die Erwerbsbeteiligung der Studierenden variiert stark nach Universität und Studienrichtung. Die WU Wien liegt mit einem Anteil von 72,2 Prozent ihrer Studierenden, die während des Semesters regelmäßig oder gelegentlich arbeiten österreichweit an dritter Stelle (hinter dem Mozarteum Salzburg und der Musik Wien), an der BOKU und der MedUni sind die Anteile mit 47 bzw. 46,5 Prozent deutlich geringer. Fast zwei Drittel der Studierenden der Geistes-, der Sozial- und der Wirtschaftswissenschaften, aber „nur“ 55 Prozent der Technischen Studiengänge sind während des Semesters berufstätig.

Die stärkste Korrelation mit dem Ausmaß der Erwerbstätigkeit weist das Alter auf. Die Erwerbstätigkeit steigt mit der Fortdauer des Studiums (und dem Alter) an. Während die/der durchschnittliche Studierende 11,5h in der Woche erwerbstätig ist, sind es bei den unter 20jährigen 4h/Woche, bei den 25jährigen 11,5 h/Woche und bei den 30jährigen fast 31 h/Woche, dies wohlgemerkt jeweils inklusive der Nicht-Erwerbstätigen.

Die Motive für die Erwerbstätigkeit liegen hier durchaus nicht im Bereich der Selbstverwirklichung, sondern sind finanziellen Schwierigkeiten geschuldet. So arbeiten nur 47,8 Prozent aus Interesse und 47,7 Prozent, weil sie damit ihre Arbeitsmarktchancen erhöhen. Im Gegensatz dazu sind 72,4 Prozent der Studierenden erwerbstätig, weil es für die Bestreitung ihres Lebensunterhaltes unbedingt notwendig ist.

Vor allem der hohe Leistungsdruck führt oft zu stressbedingten Beschwerden, wie zum Beispiel Magenschmerzen, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen. So ist nur ein Drittel der Studierenden nicht von solchen betroffen. 30 Prozent der Studierenden sind von psychischen Problemen betroffen, aber nur die Hälfte der Betroffenen kennt die Psychologische StudentInnenberatung.

Beihilfensystem: Kaum StipendiatInnen

Der von vielen Studierenden angeführte Teufelskreis aus mangelhafter Beihilfenunterstützung, aufgenommener Berufstätigkeit, langsameren Studienfortschritts und den damit oft verbundenen Verlust von Beihilfenzahlungen, lässt uns zum Problemfeld „Beihilfensystem“ kommen. Zu kritisieren ist dabei beispielsweise, dass das Elterneinkommen bei Scheidungskindern oft kein aussagekräftiger Maßstab für die Zuerkennung bzw. Berechnung der Studienbeihilfe ist, sowie dass der Bezug der Studienbeihilfe und die Möglichkeit des Kaufs des Semestertickets für Studierende an das Alter gebunden sind. Dies stellt eine Benachteiligung für Studierende, die erst später mit dem Studium begonnen haben, dar.

Lediglich 24,2 Prozent der Studierenden erhalten ein staatliches Stipendium. Dies inkludiert 18,5 Prozent die Studienbeihilfe bekommen, 5,4 Prozent die ein SelbsterhalterInnenstipendium und 0,2 Prozent die ein Studienabschlussstipendium beziehen. Weitere 2,2 Prozent erhalten kein staatliches Stipendium, aber den Studienzuschuss. Informationen zu sämtlichen Stipendien sind über www.stipendium.at abrufbar. Auffallend ist, dass die AutorInnen zum Schluss gelangen, dass viele in Frage kommende Studierende das SelbsterhalterInnenstipendium nicht in Anspruch nehmen und, dass offensichtlich viele Studierende mit Kind, die Studienbeihilfe beziehen und damit anspruchsberechtigt für einen Kinderbetreuungskostenzuschuss sind, diesen gar nicht kennen.

Studierende mit Kind: Vereinbarkeit von Elternschaft und Studium nicht gegeben

Für Studierende mit Kind stellt sich die Lage besonders schwierig dar. Der Anteil der Studierenden mit Kind ist seit 2002 von 10,8 auf 7,2 Prozent zurückgegangen. Es wird primär auf familiäre Unterstützungen zurückgegriffen, für 57 Prozent aller studierenden Mütter mit Kindern bis zwei Jahren ist eine Vereinbarkeit des Studiums mit den Betreuungspflichten nicht oder kaum gegeben, bei Müttern mit älteren Kindern ist der Anteil 40 Prozent.

Schlussbemerkungen

Die Einführung der Studiengebühren stellte für die meisten Studierenden eine enorme Zusatzbelastung dar, die eine Reduktion der Studierendenzahlen zur Folge hatte. Bei der vorliegenden Studie kristallisieren sich die sozialen Verwerfungen heraus: Die Berufstätigkeit ist meistens finanziell erzwungen und will von den Studierenden oftmals reduziert werden. Viele Studierende kommen aufgrund ihrer Arbeit langsamer mit ihrem Studium voran als geplant. Die Unis haben durch die finanzielle Aushungerung von Seiten des Staates aber auch zuwenig Mittel, die Unzufriedenheit mit der Infrastruktur veranschaulicht dies. Ein größeres Netz an Kinderbetreuungseinrichtungen würde wiederum die Lage der Studierenden mit Kind verbessern. Die Studie zeigt also politisch bedingte soziale Problemlagen auf, die sich aber bei Widerstand auf allen Ebenen nicht wie Naturgesetze weiter verfestigen müssen.

Harald Zeidler studiert Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft an der WU Wien und ist Mitglied des KSV Wien/KJÖ-StudentInnen. Der vorliegende Artikel ist zuerst erschienen in: Rote Perspektive – Organ des KSV Wien/KJÖ-StudentInnen.

[1] Die Studie ist unter anderem hier zu finden.
[2] Die Vätergeneration umfasst alle Männer, die im Erhebungsjahr 2006 zwischen 45 und 60 Jahren alt waren.
[3] In der Studie kommt ein Schichtindex zur Anwendung, der zwischen einer niedrigen, einer mittleren, einer gehobenen und einer hohen Schicht anhand von der Bildung und dem Beruf der Eltern unterscheidet.

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