Interview an der JKU Linz – Mehraufwand für Personal durch Corona beispiellos

Ein studentischer Mitarbeiter der Johannes-Kepler-Universität Linz wandte sich an den KSV, um über die Probleme der Fernlehre aus Sicht des Universitätspersonals zu berichten.

Du hast im Rahmen deines Berufspraktikums im vergangenen Semester als Tutor gearbeitet. Erzähl uns bitte wie dieses Praktikum grundsätzlich konzipiert ist und was deine Aufgaben wären?

Als Soziologie-Student an der JKU besteht die Möglichkeit ein sogenanntes „Berufspraktikum“ zu absolvieren, was als Wahlfach angerechnet wird. Es soll darum gehen, sich bei bestimmten Arbeitgebern wie NGOs, öffentlichen Institutionen, Unternehmen etc. ein Praktikum zu beschaffen und im Rahmen der Lehrveranstaltung darüber zu reflektieren und die Erfahrungen zu präsentieren. Dafür erhält man 6 ECTs wenn man vorweisen kann, dass man im gesamten Semester mindestens 125 Arbeitsstunden geleistet hat.

Ich hatte zufällig gesehen, dass im Arbeitsbereich für Globale Soziologie und Entwicklungsforschung eine Tutorenstelle für eine Pflichtlehrveranstaltung ausgeschrieben war. Meine Aufgaben bestanden unter anderem darin, gemeinsam mit der Dozentin im Vorfeld ein umfassendes Konzept zu erstellen, was Lehrinhalte, Termine, Arbeitsaufgaben, Lehrmethoden und alles, was sonst noch relevant war, miteinschloss. Dazu gehörte natürlich die Betreuung der StudentInnen bei Fragen, Miterstellung von Arbeitsaufgaben sowie die gemeinsame Korrektur, Erstellung von Powerpointfolien für Feedbackrunden und einiges mehr. Das war durchaus herausfordernd.

Inwiefern haben die Corona-Maßnahmen deine Arbeitsbedingungen beeinflusst bzw. verschlechtert?

Im Grunde genommen haben sich die Aufgaben durch die Corona-Pandemie und die darauffolgenden Maßnahmen massiv vervielfacht und verkompliziert. Man muss sich vorstellen, dass es im Vorhinein keinerlei Informationen oder Warnungen gab. Ich habe zufällig aus den Nachrichten erfahren, dass alle Universitäten den Lehrbetrieb einstellen werden und dann meine Dozentin angerufen, diese war selber vor den Kopf gestoßen. Wir mussten also in kürzester Zeit, ohne irgendwelche Hilfen oder Anleitungen, ein völlig neues Konzept erarbeiten, welches die Inhalte über E-Learning vermitteln sollte, gleichzeitig die StudentInnen nicht überfordert und abwechslungsreich ist.

Im Nachhinein betrachtet musste ich bis Anfang April besonders flexibel sein, neben meinem anderen Nebenjob, neben dem Leistungsdruck, den ich selber als Student verspürte und natürlich die Angst vor der Ansteckung, um irgendwie meinen Arbeitspensum zu erfüllen. Meine Dozentin war sehr unterstützend, aber das System krankte an sich: sie selber war im Homeoffice quasi in einen Hamsterrad drin, der noch viel mehr Arbeitszeit als sonst abverlangt hat. Man muss dazu wissen, dass die Wissenschaft generell ein schwieriges Arbeitsfeld ist und keine „freie Wiese“, in der man nach Lust und Laune forschen kann. Es herrschen strenge  Förder-, Publikations- und Evaluationsbedingungen, die einen hohen Grad an Flexibilität und Selbstausbeutung abverlangen. Vor allem junge WissenschaftlerInnen leiden unter schlechter Bezahlung, befristeten Verträgen oder Kettenverträgen. Entfristungen der Arbeitsverträge müssen meist hart erkämpft werden, besonders wenn das Forschungsfeld nicht direkt für kapitalistische Konzerninteressen verwertbar ist. Als studentischer Mitarbeiter bin ich dem selbstverständlich nicht in der Version ausgesetzt, wie meine KollegInnen, die wirklich schon eine wissenschaftliche Karriere eingeschlagen haben, aber ich habe den Leistungsdruck deutlich gespürt.

Konntest du eine verstärkte psychische Belastung bei dir und deinen KollegInnen durch die Folgen der Corona-Maßnahmen feststellen?

Selbstverständlich. Zum Glück haben meine Dozentin und ich, aber auch andere Arbeits- und  StudienkollegInnen, uns viel darüber ausgetauscht und versucht, uns gegenseitig zu entlasten. Ich sage mal, in den arbeitsintensiven Phasen, wo einiges zu korrigieren, gleichzeitig aber viel Hirnschmalz gefordert war, um weitere Lehreinheiten durchzudenken, Zoom-Einheiten zu gestalten etc., war es oft sehr schwer, im sogenannten „Homeoffice“ wirklich motiviert zu bleiben. Das schlug sich ja auch auf mein Studium nieder; es war extrem schwer, im Lockdown stundenlang vor einem Laptop zu sitzen und konzentriert zu lernen bzw. zu arbeiten. Dazu kam ja, dass durchaus auch eine gewisse Angst vor einer Ansteckung bestand, weshalb regelmäßiges Sozialisieren mit FreundInnen in meiner Umgebung de facto flach fiel, selbiges gilt auch für regelmäßige Heimreisen mit dem Zug.

Paradoxerweise war die Tutorentätigkeit und zu einem gewissen Grad das Studium, ja genau das, was meinen Alltag strukturiert hat und eine sinnstiftende Funktion hatte – wie sie Lohnarbeit übrigens fast immer hat – aber daneben musste ich in einem Call-Center arbeiten, in der zur Corona-Zeit teilweise extrem viel los war und deswegen kaum für einen Ausgleich sorgte. Das war psychisch sehr ermüdend und hat nicht nur bei mir dazu geführt, dass längere bestehende seelische Probleme umso schwerer sich zeigten, weil das Gefühl der Vereinzelung und Ermüdung in einem „grauen“ Alltag sehr real war. Ich habe damals in einem Studentenheim gelebt, welches sehr abgeschottet war und die beengten Wohnverhältnise zu Lockdown-Zeiten alle angesprochenen seelischen Probleme noch mal verschärft haben. Das gilt glaube ich für viele Studierende, die nicht den Luxus hatten, einfach nach Hause zu ihren Eltern im Einfamilienhaus mit Garten, zurückzukehren.

Wie bewertest du die Rolle der Bundesregierung und der ÖH im Zuge der Entwicklungen an den Hochschulen in den letzten Monaten?

Schlecht, ich würde der ÖH mit bestem Wissen und Gewissen die Note „Nicht Genügend“ eintragen, wenn ich könnte. Das gilt sowohl für die sogenannte „linke“ Exekutive bestehend aus GRAS, VSSTÖ und den Fachschaftslisten, letztere waren damals ja noch mit von der Partie, wie auch der lokalen ÖH-Exekutive bestehend aus AG und ÖSU an der JKU. Polemisch gesagt, war die Pandemie eine Art Stresstest, der gezeigt hat, dass Servicepolitik für Kapitulation vor der Politik der Bundesregierung steht. Natürlich gab es an der JKU und meines Wissens nach auch in ein paar anderen Hochschulen hier in Linz, manche ÖH-VertreterInnen in Studienvertretungen, die versucht haben, zumindest aktuelle Informationen weiterzuleiten, aber das waren absolute Ausnahmen und selbst im besten Fall unzureichend.

Einerseits hat die Bundes-ÖH de facto über Monate es verabsäumt, ÖH-Sitzungen abzuhalten, was eine demokratiepolitische Blamage ist, geschweige denn, irgendwelche politische Strategien entwickelt. Stattdessen hat sie nur vage Forderungen aufgestellt, die doch in Wahrheit von allen politischen Akteuren in Worten geteilt wurden. Man muss sich vorstellen, dass die ÖH ein Apparat mit ist, der mit relativ viel Geld ausgestattet ist und über Hauptamtliche verfügt, aber nicht mehr als Social-Media-Posts zustande gebracht hat. Im Übrigen wäre es spätestens ab Mai bzw. Juni möglich gewesen, kleinere Protestaktionen als Teil einer Kampagne zu organisieren. Ich bin froh, dass wir als KSV zumindest eine Petition und später dann ja auch einen Aktionstag organisiert haben, um politisch zu intervenieren.

Andererseits, hat die ÖH JKU nicht einmal versucht, sich irgendwie widerständig zu geben. Die ÖH JKU wird hier stärker als an anderen Unistandorten als völlig apolitische Institution verstanden, während der Lockdown-Phase wurde im Grunde eine falsche Einigkeit beschworen, die uns als Studierende und Beschäftigte der Universität freilich nichts gebracht hat. Zum Beispiel hieß es in den ersten Mailaussendungen der ÖH JKU, auf die Frage wie es nun mit Beihilfen, Stipendien, Förderungen und ähnlichem ausschaut, dass die Unileitung und Stipendienstellen versuchen werden, „Härtefälle“ zu berücksichtigen, „kulant“ vorzugehen etc. pp. Sprich: den Studierenden wurde gesagt, sie sollen einfach in die Gutmütigkeit der Institutionen vertrauen. Die VSSTÖ-dominierte Studienvertretung Soziologie war de facto tot – man hörte kaum etwas von ihnen während dem Semester, keinerlei Angebote, keinerlei Informationen, gar nichts. Das ist unentschuldbar und ein Armutszeugnis.

Wie können deiner Meinung nach die angesprochenen Problematiken behoben werden?

Es braucht in erster Linie einen ideologischen Bruch mit dem sozialpartnerschaftlichen Denken und Handeln. Denn in Wahrheit verfolgen fast alle politischen Fraktionen in der ÖH genau so einen Ansatz, wonach politische Konflikte unterdrückt werden und in Form von Hinterzimmergesprächen zwischen sogenannten „Interessensvertretern“ ausgehandelt werden. Uns wird in den Schulen, durch die Massenmedien, durch den bürgerlichen politischen Prozess eingetrichtert, dass nur diese Form der Politik „vernünftig“ sei. Wie wir sehen konnten, wurde ein Universitätsgesetz nach dem anderen verabschiedet, der die neoliberale Transformationen der Hochschulen weiter vorantreibt, Studiengebühren und andere Zugangsbeschränkungen wurden eingeführt, VertreterInnen von Banken und Konzernen sitzen in Universitätsräten und bestimmen durch Förderungen quasi die Curricula mit, während Universitäten wie die JKU nicht die banalste Infrastruktur in ausreichender Menge zur Verfügung stellen kann.

Ich will damit sagen, dass wir politischen Widerstand sowohl bei den Beschäftigten – und das nicht nur beim wissenschaftlichen Personal – als auch bei den Studierenden organisieren müssen, um unsere Rechte und Bedürfnisse einzufordern. Solch eine politische Linie wird glaube ich am besten von KSV-KJÖ präsentiert, die eine Studierendenbewegung aufbauen will, die grundsätzlich nicht in die ÖH-Strukturen integrieren lässt. Realistisch gesehen erfordert das, eine kollektive Arbeit von involvierten StudentInnen und Beschäftigten genau dort wo sie leben und arbeiten, etwa im eigenen Studienzweig, in der eigenen Abteilung, am Institut etc. um sich mit seinen KollegInnen auszutauschen, in ihnen ein Problembewusstsein zu entwickeln oder überhaupt Informationen über Schieflagen zu gewinnen, die man nur von den betroffenen Personen selber erfahren kann. Auf dieser Basis kann man mit diesen Personen politische Initiativen entwickeln, die in erster Linie den Finger in die Wunde legen und versuchen, Lösungen einzufordern. Das heißt natürlich nicht, dass diese Personen hundertprozentig in allen Punkten übereinstimmen werden, aber es ist eine qualitativ fortschrittlichere Politik. Tatsache ist doch, dass die seit Jahren miserable Wahlbeteiligung an den ÖH-Wahlen zeigt, dass die meisten Studierenden keinerlei Glauben daran haben, dass sie politisch etwas verändern können. Wir müssen auch die ÖH-Wahlen nutzen, um eine widerständige Stimme zu sein, die ihr routinisiertes Wahlspektakel entlarvt. Ich rufe alle Betroffenen dazu auf, den KSV-KJÖ zu kontaktieren und nicht mehr alleine zu verzweifeln. Gemeinsam können wir diese kämpferische Studierendenbewegung aufbauen! Gemeinsam können wir für fair entlohnte, sichere Arbeitsplätze und eine Wissenschaft im Dienste der Allgemeinheit, nicht der Konzerne, kämpfen!