Im folgenden zwei zwei Texte, in Erinnerung an eine großartige Frau:

  • 1988 wurde von Eugenie Kain das folgende Gespräch mit Agnes Primocic anlässlich „70 Jahre KPÖ“ geführt und in der 1989 erschienenen Broschüre „Frauen der KPÖ. Gespräche und Porträts“ veröffentlicht.
  • Mut war keine angstfreie Zone“ – Kerstin Dresing anläßlich der Präsentation des Filmes „Nicht stillhalten, wenn Unrecht geschieht.

Eugenie Kain im Gespräch mit Agnes Primocic:

Am Telefon bitte ich Agnes Primocic, sie besuchen zu dürfen. „Am besten du fragst dich erst einmal durch bis zur Salzbergbahn. Dann ist es nimmer schwer. Du erkundigst dich einfach, wo die Agnes Primocic wohnt. Das wissen dort alle, dort kennt mich jedes Kind.“ Der Weg vom Bahnhof zur Salzbergbahn ist nicht zu verfehlen. Schilder weisen über die Salzach durch die Halleiner Altstadt. Wie aber weiter bei der Salzbergbahn? Um das Orientierungsverlangen zu stillen, frage ich bei einer Bushaltestelle zwei Frauen doch nach der Ehrenthalerstraße. Hilfloses Achselzucken. Die muss in dieser Richtung sein, nein, in der, oder doch eher dort? Die Straßen hier sind vor einigen Jahren umbenannt worden. Was soll denn dort sein, in der Ehrenthalerstraße? Ach so, zur Agnes Primocic wollen S‘? Ja, das ist etwas anderes.

„Ich tu das gar nicht gern, dieses Niederschreiben von damaligen Geschehnissen, es hört sich so unwirklich an nach so langer Zeit und zeigt doch nichts von den tatsächlichen Gefühlen, von Sorgen und Ängsten“, hat die heute Dreiundachtzigjährige einmal dem oberösterreichischen Historiker Peter Kammerstätter erklärt, der für seine Materialsammlung über die Widerstandsbewegung im Salzkammergut auch ihre Aufzeichnung brauchte. Denn ohne die Unterstützung von Frauen wie Agnes Primocic, ohne ihre entschlossene, kreative und mutige Hilfe hätte diese Widerstandsbewegung – ihr gelang es beispielsweise, die in der Alpenfestung im Ausseer Salzberg gehorteten Kunstschätze 1945 vor der Vernichtung durch die Nazis zu retten – niemals erfolgreich arbeiten können.

Diese Ängste, die kaum nachzuvollziehen sind, diese Sorgen, die einem niemand abnehmen kann. „Mein Mann und mein Sohn waren im Krieg, und ich hatte noch zwei kleine Kinder zu Hause.“ Schon während der Herrschaft des grünen Faschismus war sie viermal eingesperrt, weil sie für die Rote Hilfe gesammelt hatte, weil man bei einer Hausdurchsuchung Materialien über die Sowjetunion gefunden hatte, weil sie für ein illegales KJV-Treffen ihr Fahrrad und Proviant zur Verfügung gestellt hatte – für letzteres wurde sie zu einem Jahr Haft verurteilt.

„Wie kannst da an dich denken, wenn dich jemand bitt‘, sein Leben zu retten!“

Als der Mann eingezogen wurde, musste sie ihm versprechen, sich nicht mehr politisch zu betätigen, um sich nicht zu gefährden. Aber das konnte sie nicht: „Ich hab‘ das so gesehen: Wenn ich nix tu gegen diese Tyrannei, heißt das doch, das ich einverstanden bin mit ihr.“ Also sammelt sie weiter für die Rote Hilfe, und als aus dem Halleiner Steinbruch, einem Nebenlager des KZ Dachau, die Botschaft zu ihr dringt, Möglichkeiten für einen Ausbruch auszukundschaften und Zivilkleidung und Waffen zu organisieren, zögert sie nicht: „Wie kannst da an dich denken, wenn dich jemand bitt‘, sein Leben zu retten.“

Zu dieser Zeit hatte sie mit der Gestapo bereits Bekanntschaft gemacht. Auf den bloßen Verdacht hin, Gelder für die Rote Hilfe weiterzuleiten – nachweisen konnte ihr die Gestapo nichts, weil sie die Gelder mittels Quittungen für Schneidereiarbeiten getarnt hatte -, wurde sie in ihrer Wohnung verhaftet. Zurücklassen musste sie ihre Kinder, die vierjährige Tochter mit einer schweren Lungenentzündung im Bett, die andere, ein drei Viertel Jahr alt, konnte nicht einmal laufen. In den sieben grausamen Wochen im Kerker blieb sie ohne Nachricht von der Außenwelt, wusste nicht, das sich die Nachbarin ihrer Kinder angenommen hatte.

Agnes Primocic verhalf nicht nur dem Spanienkämpfer und späteren Mitbegründer der Widerstandsbewegung im Salzkammergut Sepp Plieseis zur Flucht, sie organisierte auch den Ausbruch von Genossen Leo Jansa und seinen Fluchtweg mit dem Fahrrad von Hallein nach Wien.

Viel wäre zu erzählen von ihrer Entschlossenheit und der Fantasie, mit der sie bei diesen Fluchtvorbereitungen vorging. Nicht einmal das Gefängnis – diesmal wurde sie wegen des Stauffenbergattentats auf Hitler „vorsorglich“ eingesperrt – ließ sie diese Vorbereitungen unterbrechen. Während ihrer Haft kam das zerlegte Fluchtfahrrad für Genossen Jansa mit der Bahn an, „da musste ich meine Schwester einweihen“, und sofort nach ihrer Entlassung nahm sie den Kontakt mit den Lagerinsassen wieder auf. Ihre Geistesgegenwart rettete sie aus vielen brenzligen Situationen.

Sozialdemokraten haben die Arbeiter verlassen

Aber es ist nicht nur die Unerschrockenheit, das Hintanstellen der eigenen Ängste, das für die Widerstandsarbeit notwendig war. Überlebensnotwendig war die Zusammenarbeit mit Menschen, auf die zu hundert Prozent Verlass war. So eine war Genossin Mali Ziegleder. Schon im Februar 1934 – damals arbeitete Agnes in der Halleiner Tabakfabrik – gingen sie gemeinsam in die Saline, in die Zellulosefabrik und in die Brauerei nach Kaltenhausen, um die Arbeiter von der Notwendigkeit eines Streiks zur Unterstützung des Schutzbundes zu überzeugen.

Allein, es blieben in Salzburg die Halleiner Tabakarbeiterinnen, die in ihrer Fabrik den Streik lückenlos durchführten. Zu diesem Zeitpunkt war Agnes Primocic schon Mitglied der KPÖ. Die Sozialdemokraten hatten sie vorher ausgeschlossen, weil sie in einer Versammlung begeistert über die junge Sowjetunion, die sie im Rahmen einer Eisenbahnerdelegation hautnah kennengelernt hatte, berichtete. „Aber damals wär‘ ich ohnehin schon von selber gegangen, weil ich gesehen hab‘, wie die sozialdemokratische Führung immer mehr auslässt und die Arbeiter im Stich lässt.“

Mit 17 Jahren hat sie ihr erstes politisches Buch gelesen: August Bebel: „Die Frau und der Sozialismus“. Mir hat das imponiert, was er geschrieben hat, vom Matriarchat, und wie das Zusammenleben der Geschlechter sein könnte. In der Fabrik hab‘ ich immer erzählt, was ich daheim gelesen hab‘. Die Arbeiterinnen haben immer gebettelt, komm Agnes, derzähl uns wieder was. Sie haben mir beim Puppenmachen geholfen, das ist das Innere der Zigarre, das die noch weniger geübten Arbeiterinnen machen mussten, und ich hab‘ ihnen erzählt, was der Bebel schreibt. Die Frauen haben alle drei bis vier Kinder gehabt, verstanden haben sie aber nie, wie das zwischen Frau und Mann sein soll, und Zeit zum Lesen haben sie natürlich auch nicht gehabt.“

Das Wissen um die Klassengegensätze haben ihr natürlich nicht nur die Bücher vermittelt. „Da bist hineingewachsen. Sozial gebildet haben wir uns, indem wir mitgetan haben bei den Kämpfen, in denen wir die Rechte gefordert haben, die den Arbeitern zustehen.“ Als Betriebsrätin der Halleiner Tabakarbeiterinnen hat sie die Methoden der Herrschenden zu spüren bekommen. Aber von Bestechungsversuchen ließ sie sich ebenso wenig beirren wie von massiven Drohungen oder gezielten Verleumdungen.

Nach der Befreiung wurde Agnes Primocic in Hallein Stadträtin für Fürsorge. Sie richtete drei Kindergärten ein, und um der Gerechtigkeit willen ging sie mitunter nicht zimperlich vor. Sie ordnete Hausdurchsuchungen bei Geschäftsleuten an, die es sich schon wieder gerichtet hatten, und ließ deren gehortete Lebensmittel für ihre Kindergärten beschlagnahmen. Als die Amerikaner die Wohnungen der Arbeitersiedlung bei der Salzbergbahn konfiszierten, um sie zwei Jahre später in völlig demoliertem Zustand zu verlassen, ist es Agnes Primocic, die den Kampf um die Rechte der ehemaligen Mieter aufnimmt. Sie strengt einen Prozess an und erkämpft 50 000 Schilling für die Renovierung der Wohnungen.

Aufrechte Menschen

Es gibt viele Gründe, warum man die Straßennamen nicht zu wissen braucht, um zu Agnes Primocic zu finden. Viele haben ihr die Hilfe während und nach der Nazizeit nicht vergessen, viele kennen sie als entschlossene Funktionärin des Mieterschutzverbandes, als engagierte Frauenaktivistin und Friedenskämpferin. Als aufrechten Menschen ganz einfach, der sich nicht dreht wie eine Fahne im Wind.

Kerstin Dresing anläßlich der Präsentation des Filmes:

Eine Lebensgeschichte, die 1905 in einem Halleiner Arbeiterhaushalt beginnt, wo Agnes als eines von sechs Kindern aufwächst. Bei Ausbruch des 1.Weltkrieges sieht das Kind zunächst den spontanen Jubel der einrückenden Soldaten und bald die ersten Züge, die mit Verwundeten zurückkehren. Die Lebensmittel werden knapp, der Kampf ums Überleben hat längst begonnen. Im 3. Kriegsjahr erlebt das junge Mädchen zum ersten Mal die Kraft organisierter Aktionen, als sich die Halleiner Tabakarbeiterinnen gemeinsam wehren, um die ihnen zustehenden Lebensmittelrationen zu erhalten. Eine Begebenheit, die einen starken und bleibenden Eindruck hinterlässt. „Ich war seit meiner Jugend im Sinne der Solidarität erzogen worden,“ sagt sie später. Agnes Primocic arbeitet als Halleiner „Tschikweib“ – zum Broterwerb. Unabhängig von der katastrophalen wirtschaftlichen Situation, führt sie daneben als Betriebsrätin und Gewerkschafterin den Kampf um Menschlichkeit und Gerechtigkeit. 1934 tritt sie der Kommunistischen Partei bei, deren Mitglied sie bis heute ist.

Auf Grund ihrer politischen Aktivitäten wird sie entlassen, was die wirtschaftliche Situation erschwert, aber nichts an der politischen Tätigkeit ändert. Sie unterstützt Widerstandsgruppen, sammelt Geld für die Familien politisch Verfolgter und wird mehrfach verhaftet. Mehrwöchige Haftstrafen ohne Anklage folgen, wobei das ungewisse Schicksal der zurückbleibenden Kleinkinder die Gestapo unbeeindruckt lässt. In einer letzten Aktion, unmittelbar vor Kriegsende, befreit Agnes Primocic gemeinsam mit ihrer Freundin Mali Ziegenleder in einer waghalsigen Aktion 17 Gefangene aus einem Außenlager des KZ Dachau am Fuße eines Halleiner Steinbruchs.In den Zeiten des Faschismus war die Kommunistin Antifaschistin. Mut war keine angstfreie Zone. Mutig sein bedeutete: Angst haben und trotzdem weiter machen. Damals. Warum wurde jetzt noch ein Filmportrait über Agnes Primocic gedreht? Oder gerade jetzt? „Ich bin doch nur eine einfache Frau“ schätzt sie sich selbst ein. Und als solche hat sie den Dialog gesucht, hatte erkannt, dass Faschismus nicht mit Ausbruch eines Weltkrieges begann, sondern lange vorher. Als Dialogfähigkeit nicht mehr gefragt war, als gar nicht mehr gefragt wurde, sondern angeschafft und ausgeführt. Agnes Primocic hat die Fragen gestellt, nach Recht und Unrecht. Hat sie für sich beantwortet und entsprechend gehandelt, ohne Rücksicht auf eigene Sicherheiten. Nach dem Krieg war sie aktiv und politisch am Wiederaufbau beteiligt, redete mit französischen und amerikanischen Besatzern, war verantwortlich für die Errichtung von Kindergärten und deren Versorgung. Auf Grund ihrer Überzeugung ist sie in der Regel den schwierigsten Weg gegangen. Erst viel später gab es auch Ehrungen, wurde ihr u.a. das Silberne Verdienstzeichen der Republik verliehen. „Ich kann nicht stillhalten, wenn ich sehe, dass Unrecht geschieht.“ Sie war nicht still und besuchte Schulen, um Fragen zu beantworten, die heute noch verdrängt werden. Sie wollte Bewusstsein wecken, entwickeln, wach halten. Sie wollte auch mit diesem Film die Aufforderung zu Dialog und Auseinandersetzung an die Jugend weitergeben.

Agnes Primocic ist im Januar 97 Jahre alt geworden, aber leise klingt es nicht, wenn sie sagt: „So bin ich der Meinung, dass es gerade die Jetztzeit ist, die einen Rückblick auf die nichtdemokratischen Zeiten von 1934 bis 45 braucht!“

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